Zwischen Herzinfarkt und guten Gesprächen

Speed Meeting (© Norsin Tancik)

Speed Meeting
(© Norsin Tancik)

Da flattert einem die Einladung zum Speed Meeting der Verlage der Zukunft einfach so ins Postfach. Nach dem ersten Ohnmachtsanfall folgt das erste und nicht letzte Durchatmen. Ist das Speed Meeting wirklich eine Chance oder nur belangloser Small Talk? Norsin Tancik berichtet von ihrer ersten Teilnahme während der Frankfurter Buchmesse 2012.

Mit welcher Einstellung betritt man am besten das Schlachthaus? Diese Frage geisterte mir im Kopf herum, seitdem diese eine E-Mail in meinem Postfach landete. Und danach die Mail mit den detaillierten Anweisungen. Dann die Mail mit der Rücksicherung, ob man wirklich Zeit hätte und wirklich zum Speed Meeting käme. Die Verlage der Zukunft meinten es toternst und organisierten das ungewöhnliche Event perfekt.Acht Minuten Zeit hatte ich, um zehn bedeutende Verleger niederzustarren. Wie fängt man das Gespräch an? Langweilen sich die Abteilungsleiter, Geschäftsführer und Personaler nicht nach dem vierten Lebenslauf? Wie bleibt man geschickt im Gedächtnis, ohne sich allzu sehr anzubiedern? Ich brauchte zunächst die richtige Einstellung.

Teilnehmerin im Gespräch mit Sabine Dörrich (© Norsin Tancik)

Teilnehmerin im Gespräch mit Sabine Dörrich
(© Norsin Tancik)

Wie man eine gesunde Einstellung für das Speed Meeting findet
Erster Versuch: Verdrängung und IgnorierenFunktionierte nicht. In meinem Kopf setzten sich die grauen Herren in Anzügen fest.
Zweiter Versuch: Bilanz ziehen Was habe ich erreicht, warum nahm ich teil und was erhoffte ich mir von der Teilnahme? Da ich kurz vor meinem Abschluss an der Uni stand, hoffte ich auf interessante Kontakte für die Bewerbungszeit. Da meine Wunschausbildung sich in den Verlagshäusern noch nicht etabliert hat, fand ich sofort eine Reservefrage für Notfälle: In welcher Abteilung ist bei Ihnen Social Media- oder Online-Marketing angegliedert? Nicht zuletzt plante ich eine Minute ein, um ein Projekt vorzustellen, an dem ich derzeit arbeite.
Dritter Versuch: VorbereitungZu meiner Vorbereitung gehörte nicht nur das Drucken von neuen Visitenkarten, sondern auch die Sichtung der teilnehmenden Unternehmer. Wer waren sie? Woher kamen sie? Was machte das Unternehmen? Hier bereitete ich mich sehr kurzfristig vor, denn als Agenturenkind kannte ich den Großteil der Verlage bereits und hatte mit vielen persönlich Kontakt gesammelt. Das beruhigte mich ein wenig. Trotzdem: Es blieben wichtige Geschäftsführer/Personaler/Abteilungsleiter. Was nun?
Letzter Versuch: OptimismusIrgendwann wurde mir klar, dass ich nicht in die Rolle des Bittstellers schlüpfen wollte. Ich setzte die Messlatte für das Speed Meeting ein wenig geringer an. Anstatt sich auf jede Andeutung von Interesse zu stürzen, wollte ich neugierig und offen sein auf die Personen, die mir gegenübersaßen. Wer waren sie wirklich? Ich wollte lediglich Kontakte knüpfen – ohne irgendwelche Hintergedanken. Letztendlich saß ich am längeren Hebel: Die Verleger wollten mich kennenlernen. Wenn ich sie nicht sympathisch fand, strich ich sie eben aus meiner inneren Liste potenzieller Arbeitgeber. Schließlich gibt es genug Verlage und andere Unternehmen in der Buchbranche. Ich kehrte den Spieß um: Nicht ich war auf sie angewiesen, sondern sie auf mich. Dieser Optimismus beruhige mein Bauchgrummeln etwas.

Plaudern über Frankfurt, den Lebenslauf und Stellenangebote
Ich erlebte beim Speed Meeting letztendlich einen wunderbaren Vormittag. Mit Tino Uhlemann, dem Verkaufs- und Vertriebsleiter vom Piper Verlag, fing meine Runde an und wir kamen sehr schön ins Gespräch, ebenso mit Till Weitendorf, dem Geschäftsführer des Oetinger Verlags. Ins Plaudern kam ich mit Tom Erben, dem Geschäftsführer vom Aufbau Verlag, für den wir mafiosige Marketingaktionen umgesetzt hatten. Mit Sabine Dörrich, Leiterin der gleichnamigen Personalagentur, debattierte ich über mein Projekt und über die Gestaltung meines Lebenslaufs. Ich konnte sehr viel von ihr mitnehmen und lernen. Mit Ida Roet de Campos, der Personalerin von GU, schwärmte ich abwechselnd über die Vorzüge der Städte Frankfurt und München. Klaus Kluge, den Geschäftsführer von Bastei Lübbe, begrüßte ich wie einen alten Freund: „Auf Sie habe ich mich schon besonders gefreut!“ Der Grund für meine Euphorie waren mehrere Projekte, die ich in meiner Firma seit einem Jahr für Bastei Lübbe betreue und organisiere. Ebenso unvermittelt wie meine Worte kam von ihm zum Schluss ein Stellenangebot. „Da müsste ich ja lernen, statt Fassenacht Karneval zu sagen. Interessant!“, war meine Erwiderung.

Würde ich noch einmal teilnehmen? Auf alle Fälle. Niemals wieder haben Berufseinsteiger die Gelegenheit, so offen mit wichtigen Persönlichkeiten der Buchbranche zu reden. Das Speed Meeting ist ein Muss für alle Berufseinsteiger – eben weil es in unserer Branche viel zu wenige Recruiting-Veranstaltungen gibt. Das wird sich bald hoffentlich ändern.

Norsin Tancik