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Von Kalkutta in die Welt – Verlegen lernen bei Seagull Books – Part 2 –

Anna Senft, 30, ist angehende Lektorin und lebt in Pune (Indien) und Berlin. Sie studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Würzburg. Von 2009-2015 arbeitete sie als wiss. Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität Berlin. Letzte Stationen waren das internationale literaturfestival berlin, die Buchhandlung Mauerbuch, das International Literature Festival Jaipur und The Seagull School of Publishing in Kalkutta.

Hier berichtet sie von ihrem dreimonatigen Kurs bei Seagull Books in Kalkutta. Part 1 ihres Berichts könnt ihr hier lesen.

Die Schule selbst, vier Klassenräume in einem alten Haus Bengalischen Stils auf der anderen Straßenseite des Verlages, ist für alle Schüler sofort beim ersten Betreten ein Lieblingsort in Kalkutta geworden. Jedes Zimmer ist in einer anderen Farbe gestrichen, sehr bunt, bis unter die Decke behängt mit Sunandini’s Collagen und Fotographien von Bishan und Naveen; Regalmeter voller Bücher des Verlages, aber auch Teile der ehemaligen Bibliothek des Goethe Instituts inklusive Schallplattensammlung, denen Naveen in diesen Räumen nach deren Auflösung Unterschlupf gewährt hat. Eine Atmosphäre, wie sie inspirierender und anregender nicht sein kann, und so wurden an den großen Tischen bei Kaffee und Keksen bisweilen recht philosophische Gespräche geführt.

Kalkutta ist eine Stadt, die von Geschichte, Kultur und Kreativität strotzt. Obwohl nahezu alle anderen Verlage, Redaktionen großer Zeitungen und intellektuelle Größen ihren Sitz in der Hauptstadt Delhi haben, hat man bei Seagull Books nie ans Umziehen gedacht. Auch nicht ans Verkaufen der attraktiven Listen oder gar des ganzen Unternehmens. Der Verlag und die Mitarbeiter sind hier verwurzelt und brauchen die fruchtbare Umgebung für ihre Arbeit, die sie Frankfurt und der Welt präsentieren. Naveen reist viel, lädt aber so oft es geht Freunde, Autoren und Verlagsmenschen, nach Kalkutta ein, um ihnen den Mittelpunkt des Seagull Books Universums zu zeigen, in ihrem Indien. Indische Literatur selbst ist aufgrund der stark internationalen Ausrichtung des Verlages wenig im Programm vertreten, jedoch sind Größen wie die Philosophin Gayatri Chakravorty Spivak und die bengalische Schriftstellerin Mahasweta Devi hier zu Hause.

Übungen und Masterclasses wechselten sich auch im Juli und August ab ergänzt durch eine Exkursion in eine Druckerei und einen Siebdruck-Workshop mit Printing-Manager Ronnie Gupta.

 

Die Zukunft des Buchmarktes und die Rolle des indischen Subkontinents

 

Das Besondere an diesem Kurs ist meiner Ansicht nach, dass uns eine Innenansicht aller Bereiche dieses und anderer Verlage gewährt wurde. Mit großer Offenheit wurde über Zahlen, Tantiemen, Verträge, schlechte Manuskripte und auch die in Indien allgegenwärtige Zensur gesprochen. Autoren wie Pia Petersen (Frankreich) oder Anita Nair (Indien) erzählten uns von ihren mehr oder weniger holprigen Anfänge, die Suche nach einem geeigneten Verlag, Creative-Writing Kursen und Schreibblockaden. Florence Giry von Gallimard (Frankreich) erklärte uns die unerwartet spannende Welt der Rechte und Lizenzen. Mit Übersetzer Arunava Sinha übertrugen wir Vogelgezwitscher in Text. Preeti Gil sprach mit uns über die Rolle von Literaturagenten. Frauenrechtlerin erster Stunde und Gründerin zweier feministischer Verlage Urvashi Butalia klärte uns über die Situation unabhängiger, kleiner Sparten-Verlage damals und heute auf. Auch Vertreter großer Verlage wurden eingeladen, um deren Strategien mit uns zu teilen. Wir diskutierten mit ihnen über die Notwendigkeit von kommerzieller Unterhaltungsliteratur, die Zukunft des Buchmarktes und die Rolle des indischen Subkontinents in verschiedenen Szenarien. Einblicke gaben uns Thomas Abraham, Managing Director bei Hachette India und Udayan Mitra, Associate Publisher bei Penguin. Gunjan Ahlawat, Head of Design bei Penguin, erklärte uns sein experimentelles Verständnis von Design und präsentierte uns seine Buchcoverkunst für verschiedene Verlage, Genres und Autoren.

 

Abschlussfoto am Tag der Zeugnisübergabe mit Bishan Sammadar (2. v. rechts) und Sunandini Banerjee (3. v. rechts hinten) (c) Anna Senft

Abschlussfoto am Tag der Zeugnisübergabe mit Bishan Sammadar (2. v. rechts) und Sunandini Banerjee (3. v. rechts hinten) (c) Anna Senft

 

In den letzten Augustwochen arbeiteten wir mit Bishan an Manuskripten, die ihm gerade zum Lektorieren vorlagen und lernten schließlich mithilfe von Quarkexpress Bücher zu setzen. Das Erstellen eines Coverbriefs für Designer, das Zusammenfassen des Buches und Klappentexte schreiben rundete die Ausbildung ab, so dass wir am Ende der drei Monate theoretisch in der Lage waren, ein Buch eigenständig zu Lektorieren, mit ein bisschen Übung im Setzen vielleicht…

 

Die Literaturszene ist lebendig und divers wie kaum in einem anderen Land

 

Was ich außerdem gelernt habe ist, dass der indische Buchmarkt in vielerlei Hinsicht vom amerikanischen oder europäischen unterscheidet. Den 1,2 Milliarden potentiellen Lesern steht eine Alphabetisierungsquote von 70 % und ein niedriges Grundeinkommen gegenüber, was Bücher, vor allem jene, die nicht im Bildungssegment angesiedelt sind, für eine Vielzahl von Menschen zu einem unerschwinglichen Luxusgut macht. Ein Bestseller fängt in Indien daher bei 5.000 verkauften Exemplaren an. Auf der anderen Seite ist die Literaturszene lebendig und divers wie kaum in einem anderen Land. Über 100 Sprachen werden auf dem Subkontinent gesprochen, jedoch wird diese Vielfalt auf den allein in Indien über 80 Literaturfestivals und im Ausland hauptsächlich durch das geschriebene Englisch repräsentiert. International und national erfolgreiche Autoren aus Indien schreiben auf Englisch; das macht den indischen Buchmarkt gerade für europäische Verlage so interessant. Die vielen in ihrer Lokalsprache schreibenden Autoren profitieren davon nicht. Insgesamt gilt der indische Buchmarkt immer noch als sehr unorganisiert; es fehlen beispielsweise statistische Erhebungen über Buchproduktion und Verkaufszahlen. Es gibt jedoch immer mehr Agenten und davon versprechen sich viele in der Branche eine Verbesserung der Organisation und des Verkaufs indischer Buchrechte ins Ausland. Denn Autoren sind der Exportschlager schlechthin, kein anderes indisches „Produkt“ verkauft sich so gut.

Schon vor dem Kurs begeisterte ich mich neben dem Lektorat auch für den Vertrieb. Jetzt finde ich auch Rechte und Lizenzen und die Arbeit eines Literaturagenten spannend und würde gern intensiver das Handwerk des Buchdesign und Typesetting lernen. Diese drei Monate in Kalkutta haben in vielerlei Hinsicht meinen Horizont erweitert und die Seagull School of Publishing macht einen fantastischen Job. Sie zeigt jungen Menschen einen Weg in die Buchwelt, ob als Designer, Lektor, Übersetzer oder Autor. „Wir sind sehr gute Mentoren und noch bessere Netzwerker“, gab Naveen Kishore uns zum Abschied mit auf den Weg. Was bleibt ist der Eindruck von inspirierenden Verlagsmenschen, die uns ihren Beruf erklärt haben, der ausnahmslos für jeden von ihnen vor allem eines ist: Berufung.

 

Weitere Infos über das Verlagsprogramm, die Aktivitäten des Seagull Universums und den School-Blog mit Beiträgen anderer Studierender findet ihr auf folgenden Seiten:

 

http://www.seagullbooks.org/

http://www.seagullindia.com/

https://theseagullschool.wordpress.com/