Katja Petrowskaja © Johannes Puch http://www.johannespuch.at

Katja Petrowskaja
© Johannes Puch
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Wie ein Ausnahmetext die Zwänge des visuellen Mediums sprengt

Nervös betritt die Autorin Katja Petrowskaja an diesem Freitag die Bühne. Im Gegensatz zu ihren Vorgängern trägt sie ihren Text stehend vor. Dieser ist geschichtsträchtig, ihr Vortrag ruhig und dem Thema angemessen. Die Erzählerinstanz berichtet in der Geschichte vom Schicksal der jüdischen Großmutter in der ehemaligen Sowjetunion zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. „Lasse der Herrgott Dich so viel wissen, wie ich nicht weiß, sagte Babuschka immer wieder.“

Bereits der Titel gewinnt durch Petrowskajas Aussprache zusätzlich an Glanz: „Vielleicht Esther“. Die letzte Silbe des Namens zieht sie beim Sprechen lang, rollt das R. Authentisch. Immer wieder stolpert sie beim Lesen über einzelne Worte, was ihre Geschichte und auch ihre Person nur umso glaubwürdiger macht. Petrowskaja betont selbst, dass sie in der deutschen Sprache noch minderjährig ist. Dennoch ist es ihr besonders wichtig, ihre Texte auf Deutsch zu verfassen. Dadurch bewahre sie sich eine gewisse Distanz zu ihren Themen. In ihrer Muttersprache Russisch fühle sie sich oft eingeschränkt, bedroht. Denn die Vorlage für die Erzählung hat einen realen Hintergrund.

Der Text, ein Auszug aus Petrowskajas kommendem Roman, changiert zwischen journalistischer Berichterstattung, autobiographischer Prosa und poetologischer Reflexion: „Manchmal ist es gerade die Prise Dichtung, welche die Erinnerung wahrheitsgetreu macht.“ Genau dieser Punkt wird später auch zum Gegenstand einer heftigen Diskussion unter den Jurymitgliedern. Hildegard Keller, die die Autorin zum Wettbewerb eingeladen hatte, hält ein leidenschaftliches Plädoyer für ihre Kandidatin: Hier liege ein selbstbewusster Text vor, der sich die Genealogie des Erzählens zum Gegenstand nimmt. Paul Jandl hingegen ist geteilter Meinung: Er müsse anmerken, dass die Montage der einzelnen Versatzstücke unklar sei. Er sehe hier noch keinen kohärenten Text, sondern die Zusammenstückelung mehrerer Einzelteile. Insgesamt wird der Auszug im Juryplenum gelobt. Von der tänzerischen Leichtigkeit der Sprache, der Verletzlichkeit der Erzählstimme und dem gelungenen Einsatz von Requisiten – in einer Passage hat ein Fikus eine wichtige Funktion – ist die Rede. Der Text sei einmalig, abgerundet, großartig. Burkhard Spinnen resümiert, dass endlich wieder das Ost-Element Einzug in die deutsche Literatur halte und der Sprachraum in positiver Hinsicht geöffnet werde.

Das Publikum hört zunächst gebannt der Lesung von Katja Petrowskaja zu, applaudiert euphorisch und verlässt auch nicht das Studio als die Sendezeit bereits längst überschritten ist. Burkhard Spinnen lächelt. Nun habe man sich in der angeregten Diskussion sogar von dem Medium Fernsehen freigemacht. Vielleicht ist das in Ausnahmefällen auch nötig, wenn ein Urteil einem Text gerecht werden will. Einem Ausnahmetext wie diesem.

  Lisa-Marie George