The future is female – Wie steht’s um die Gegenwart?

Pia Stendera über die Veranstaltung „Französische Verhältnisse – Verlegerinnen erzählen“. Podiumsdiskussion mit Verlegerinnen aus dem Ehrengastland Frankreich.

Die Frankfurter Buchmesse öffnet bekanntlich erst am Wochenende ihre Pforten für das öffentliche Publikum. Die vorhergehenden Tage bieten daher eine gute Gelegenheit, die Branche unter die Lupe zu nehmen. Dabei sollte bei der diesjährigen Messe selbst jenen, die das Bewusstsein für Genderfragen nicht teilen, auffallen: Die Branche ist weiblich. Gleichwohl bleibt es wichtig, sie weiterhin kritisch zu hinterfragen, denn in den Vorständen und Führungspositionen der meisten deutschen Verlagshäuser ist die Quotierung anders aufgestellt als auf dem sonnigen Innenhof der Messe.

Zur Sensibilisierung ohne erhobenen Zeigefinger und dem Austausch mit dem Ehrengastland Frankreich stellten die Bücherfrauen e.V. auf der Bühne der Unabhängigen Verlage für den Donnerstagnachmittag ein Podium für drei französische Verlegerinnen zusammen. Bücherfrau, Lektorin und Übersetzerin Meiken Endruwait führt durch das zweisprachige Gespräch mit Hedwige Pasquet (Gallimard Jeunesse), Claire Stavaux (L’Arche Editeur) und Joëlle Losfeld (Editions Joelle Losfeld). Schnell wird klar: Von einer Podiumsdiskussion kann nicht die Rede sein – die Frauen halten größtenteils Konsens. Informativ, spannend und inspirierend ist die Unterhaltung dennoch allemal.

 

Die Frau an der Verlagsspitze – nach wie vor eine Seltenheit?

Auf die einleitende Frage nach dem Frauenanteil in den Führungsetagen französischer Verlage antwortete Stavaux, die erst kürzlich einen Theaterverlag kaufte, dass ein Weg wie der ihre nach wie vor sehr ungewöhnlich sei. Junge Frauen wie sie, die sich schrittweise vom Praktikum bis hin zur Spitze arbeiteten, seien rar. Die 33-jährige gilt als „mutig“. Die Gründerin der Jugendabteilung des Gallimard Verlags Hewige Pasquet, die sich selbst als „Dinosaurierin des Verlagswesens“ bezeichnet, bestätigt dies zwar nickend, setzte jedoch hinzu, dass dies in der Kinderbuchsparte wiederum anders aussieht. Diese scheint nach wie vor nicht allzu attraktiv für Männer zu sein.

 

Unabhängigkeit als höchstes Credo

Als Herausforderung betrachtet Pasquet eher den Umgang mit dem Nachwuchs. Die vielen neuen Ausbildungsmöglichkeiten sorgten für deutlich mehr Interessierte als tatsächlich Stellen vorhanden sind – Wohin mit den ganzen talentierten jungen Menschen? Eine mögliche Antwort findet sich im Lebenslauf und Rat Joëlle Losfelds. Sie ging den ‚dritten Weg‘ und gründete 1991 ihren eigenen Verlag, der heute Gallimard angehört. „Wenn ich jungen Frauen etwas raten sollte, wäre es: Gründen Sie ihren eigenen Verlag!“. In den 90er-Jahren gab es in Frankreich bereits eine Welle weiblicher Verlagsgründungen – was spricht dagegen eine neue zu schlagen? Ohnehin betonen alle drei das ständige Streben nach Unabhängigkeit als einen der bedeutendsten Bestandteile ihrer Arbeit. Diese ist durch die unhierarchische Teilung von Arbeit und Verantwortung bei der Veröffentlichung von Büchern zumeist gegeben. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum es jenseits des Rheins bisher noch immer keinen Verein wie die Bücherfrauen gibt, bemerken sie ertappt schmunzelnd, auch wenn eine Gleichstellung in der Branche auch in ihrem Interesse sei.

 

Was zählt ist das Talent – und die Kinderversorgung

Im Laufe des Gesprächs vermitteln die drei Französinnen immer mehr den Eindruck, als sei ihnen eine Gleichstellung vollends inne. Vorhandene Netzwerke sind nicht genderspezifisch, Vorbilder müssen nicht weiblich sein. Was zählt, seien Intuition, Leidenschaft, Talent und Spürsinn. Es sei wichtig, wie man einen Text findet, wie man sich in ihn verliebt und ihn aufs Blut verteidigt, so Pasquet, die seinerzeit das erste französische Taschenbuch der Harry Potter-Reihe auf den Weg brachte. Sie ist es auch, die auf einen Aspekt für die scheinbar unterschiedliche Gleichstellung zwischen französischen und deutschen Verlagsfrauen eingeht: die Kinderversorgung. Damit wird klar: Gleichstellung ist nach wie vor noch immer eine Frage der Chancengleichheit, diese bleibt nach wie vor Politikum.