Rudellesen 2012 – oder andächtige Stille im Biergarten

Literatur auf allen Schirmen

Literatur auf allen Schirmen

Gefühlte 30 Grad im Schatten, Bierzeltgarnituren, ausgelassene Stimmung und rund 200 gespannte Augenpaare, die sich um 20.45 Uhr auf die an Pavillonwänden hängenden Fernseher richten. Auf der Suche nach dem optimalen Blickwinkel herumschwirrende Menschen, reges Treiben an den Theken und Zapfhähnen, die in den kommenden Stunden nicht mehr still stehen werden … klingt nach? Richtig! Dem Bachmannpreis 2012 in Klagenfurt! Mittendrin 12 Essener Studenten und ihre Professorin.  

Mit den ersten Sonnenbränden im Gesicht machte sich am Dienstagabend das Essener Studentenrudel auf den Weg zum ORF-Landesstudio, um dort den Eröffnungsauftakt der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises, das nahende literarische Länderspiel zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz live und in Farbe mitzuverfolgen. Die wenigen heiß begehrten Plätze im Studio zum einen und die von überraschender österreichischer Hitze ausgezehrten Körper zum anderen, rissen das Rudel entzwei. Der vermeintlich benachteiligte Rudelrest, oder auch einfach nur die (aufgrund der fürs Essener Gemüt drastisch überhöhten Extremwerte auf der Thermometerskala) Durstigsten mussten mit den angrenzenden Außenanlagen des Studios Vorlieb nehmen. Die nach Flüssigkeit lechzenden Leiber auf Bierbänke gebettet, von grünkronigen Bäumen beschattet und mit hopfenhaltigen Erfrischungsgetränken der drohenden Dehydratation entgegenwirkend begannen also die 36. Tage für deutschsprachige Literatur.

Biergarten noch zaghaft besucht

Biergarten noch zaghaft besucht

Masseneuphorie? Ein wenig, am Buffet vielleicht auch ein wenig mehr.

Spannung? Hinsichtlich der ausgelosten Lesereihenfolge flitzebogenähnlich.

Ehrfurcht? Beginnend mit den ersten Worten Ruth Klügers, welche gepaart mit dem Blätterrauschen der Bäume aus zahlreichen Lautsprechern dringend das bunte Treiben zum Schweigen brachten, in jedes Gesicht gemeißelt.

So fühlt sich also Literatur im Biergarten an …eine surreal wirkende, nach Bier schmeckende, skurrile Mischung aus Andacht, Besinnlichkeit, Durst und Vorfreude auf die kommenden Tage.

Katrin Stahl