Reiseliteratur und Reisereportage

Wolfgang Büscher

Wolfgang Büscher

Glücklich unterwegs: Der Reiseschriftsteller Wolfgang Büscher über äußere und innere Reisen, düstere russische Kneipen und das Glück eines Mittagschläfchens.

Er trägt hellbraune Lederschuhe, schlicht, doch sichtbar von höchster Qualität. Hier bringt einer schon auf den ersten Blick die Wichtigkeit seiner Füße zum Ausdruck. Ein Zu-Fuß-Geher. Er spricht leise, nimmt sich selbst zurück. Nur manchmal, wenn es um das „Raus“ und das „Weg“ geht, hebt sich seine Stimme, als wolle sie ausbrechen. Er wanderte von Berlin nach Moskau zu Fuß („Berlin – Moskau“), umrundete Deutschland („Deutschland, eine Reise“) und erkundete Asien („Asiatische Absencen“). Das Unterwegssein ist sein Elixier. Obwohl zu Hause Frau und zwei Kinder warten? „Das geht nicht gegeneinander, nur miteinander“, sagt er und: „Andere Männer sind auf Montage.“

Sie schreiben sowohl für Zeitschriften und Magazine als auch Bücher. Wie unterscheidet sich Ihrer Meinung nach das Schreiben für diese beiden Medien? Oder anderes gefragt: Inwieweit hat das Medium Einfluss auf Inhalt und Stil?
Wir haben es hier mit einer schreiberischen Gattung zu tun, bei der die Grenzen verschwimmen, ich glaube aber trotzdem, dass es einen klaren Unterschied gibt. Das journalistische Schreiben ist ein Schreiben für den Tag, die Dimensionen des Erzählens sind begrenzt. Wenn ich eine literarische Geschichte schreibe, hat das einen anderen Atem. Sie ist wesentlich subjektiver, wesentlich erzählerischer. Es gibt eine hübsche Definition von Martin Mosebach, die besagt in etwa: „Alles literarische Schreiben kommt aus der Erinnerung und alles journalistische Schreiben kommt aus dem Notizblock.“ Beim Schreiben meines letzten Buches habe ich die Erfahrung gemacht, dass mir die Geschichten, die ich rein aus der Erinnerung geschrieben habe, am besten gelungen sind.

Es geht also um die direkt vermittelte Information?
So ist es. Im Journalismus soll der Leser etwas erfahren, der Informationsgehalt steht im Vordergrund. Lese ich im Reiseteil der Zeitung eine Geschichte über Dubai, dann möchte ich wissen, wie es sich dort lebt, wie die Hotels sind, worauf ich achten sollte und so weiter. Wenn ich mir einen Roman kaufe, der in Dubai angesiedelt ist, dann spielen ganz andere Gesichtspunkte eine Rolle. Dann möchte ich da unter Umständen nie hinfahren, weil es mir da viel zu heiß ist, sondern ich möchte mich ein paar Stunden in dieses Buch versenken.

Eine äußere Reise ist ja in den allermeisten Fällen auch mit einer Reise nach innen verbunden. Wie würden Sie das Verhältnis zwischen Außen und Innen beim Erzählen gewichten?
Klar, das Innen spielt eine große Rolle. Wo haben Geschichten sonst das Potenzial, eine dritte literarische Dimension zu entwickeln, also über die reine Erzählung dessen, was war, hinauszugehen? Ein Buch, das für mich eine Initialzündung war, ist Werner Herzogs „Vom Gehen im Eis“. Herzog erfährt 1973, dass Lotte Eisner todkrank in einem Pariser Krankenhaus liegt. Lotte Eisner war eine deutsch-jüdische Filmkritikerin, bekannt noch aus den 20er, 30er Jahren, die für diese jungen deutschen Regisseure damals eine Ikone darstellte. Herzog hört also, dass sie in Paris im Sterben liegt, und sagt sich: Ich will nicht, dass die stirbt! Ich gehe da jetzt zu Fuß hin! Von München nach Paris. Im Winter. Er zieht sich Stiefel an, packt ein paar Sachen in den Rucksack und geht los. Mir ist dieses Buch Jahre später in die Hände gefallen und es ging eine Sonne auf, denn ich sah auf einmal, wie man schreiben kann. Das ist eine Geschichte in einer fast Büchnerschen Sprache, ein halb psychedelischer Wintermarsch. Dass da ein Gelübde am Anfang steht, gibt dem Ganzen eine ungeheure und völlig andere Bedeutung. Herzog fordert das Schicksal heraus. Er fordert Gott heraus. Er sagt: Die lebt! Wenn ich da hingehe, dann lebt die!

Die große Geste, das große Gefühl? Ist das heute nicht kitschig?
Natürlich ist es richtig, Kitsch zu vermeiden, aber man kann Kitsch auch zu Tode vermeiden, bis man sich überhaupt nicht mehr traut, große Gefühle zu verhandeln. Man muss das Wagnis eingehen, auch am Rande des Kitsches zu surfen. Das ist gefährlich, klar, man kann abstürzen, man kann unglaublichen Mist schreiben, es kann peinlich sein – das muss man natürlich vermeiden. Was Herzog macht, erzeugt natürlich ein irres Pathos, aber er hat es gut gemacht. Man leidet mit ihm, man geht mit ihm. Das ist eine Frage der angemessenen Sprache. Die Grundregel lautet: „Je größer die Gefühle, umso knapper die Sprache.“

Inwieweit muss der Reiseschriftsteller Distanz bewahren oder inwieweit muss er sich auf das Fremde einlassen?
Das ist eine Temperamentfrage. Es gibt sicher Leute, die sehr stark die Nähe suchen, und es gibt Leute, die eher beobachten. Ich gehöre zu letzteren. Was nicht ausschließt, dass es auch ab und zu zu großer Nähe kommt. Mir geht es beim Unterwegssein vor allem darum, mich in einen Zustand zu versetzen, der zum Schreiben führt. Für den einen ist es eine Art Archiv, für den anderen die psychologische Introspektion, für den Dritten ein Sammeln von Geschichten, denken Sie nur an die Brüder Grimm, die durch die hessischen Dörfer tingelten und Märchen aufschrieben. Mir geht es darum, die Dinge mit frischen Augen anzuschauen, sie so anzuschauen, wie man sie im Fernsehen und in seinem gewohnten Leben nicht mehr sieht, weil die Blicke an den Dingen abgleiten. Für mich gibt es nichts Köstlicheres, als irgendwo zu landen und zum ersten mal durch eine fremde Stadt zu fahren oder sie sich zu erlaufen. Das hat eine große innere Nähe zum literarischen Schreiben, weil man staunend durch die Welt geht. Weil man die Dinge so unbefangen anschaut, wie sie in der Gewöhnlichkeit des Lebens nicht angeschaut werden.

Sollte der Reiseautor alles über Beschreibung lösen, oder darf er sich zu abstrakten Aussagen, die ja manchmal auch in Klischees münden können, hinreißen lassen?
Da würde ich große Vorsicht walten lassen. Bei der Literatur geht es darum, eine gute Geschichte zu erzählen, und nicht eine These zu illustrieren. Was nicht heißt, dass man nicht direkt sein darf. In meinem Buch „Berlin – Moskau“ gibt es eine Stelle, wo ich in einem Restaurant sitze. Diese russischen Restaurants haben die Eigenart, dass sie abgedunkelt sind, wie bei Fliegeralarm. Draußen ist es hell, drinnen ist es duster. Es ist irgendwo in der Provinz, ich bin der einzige Gast, der Kellner ist mürrisch, ich bin stinkig – das ist ein Moment, in dem der ganze Verdruss über diese russischen Zustände plötzlich über mich kommt. In dem ich sage: Was ist das hier eigentlich für ein Scheißland? Was ist das hier für ein Schrott, Atomschrott, Benimmschrott, Industrieschritt und Sowjetschrott, Seelenschrott – das geht mir durch den Kopf. Es gibt eine Art stummen mentalen Kampf mit diesem Kellner. So kann man es meiner Meinung nach machen. Man kann alles machen, es muss nur in der Erzählform bleiben. Der Erzähler darf nicht plötzlich auf die Kanzel steigen und predigen.

Wie bewusst schreiben Sie, wie unbewusst schreibt es sich?
Ein so hellwacher, bewusster Akt ist das Schreiben ja nicht. Oft geht mir beim zweiten, dritten Durchgang durch den Text ein Licht auf. Da wiederholen sich Motive, tauchen innere Beziehungen in dem Text auf. Das ist aber nicht nur beim Schreiben so, sondern immer, wenn man sich intensiv mit etwas befasst. Es gibt eine innere Instanz in uns, die arbeitet die ganze Zeit über mit. In uns ist ein Strom, der mitdenkt, mitarbeitet, mitempfindet. Und plötzlich, in einer Situation, die damit gar nichts zu tun hat, kommt einem plötzlich die Idee. Es ist zum Beispiel manchmal ein Glück, sich nachmittags eine halbe Stunde hinzulegen und in diese tagträumerische Halbwachheit, in diesen Strom einzutauchen. Da ergeben sich bisweilen richtige Lösungen.

Ist es denn in Reiseliteratur überhaupt möglich, eine Geschichte zu erzählen? Das ist ja doch eher die Form der Und-dann-und-dann-und-dann-Geschichte. Man kann nicht den großen Bogen wie in der Prosa schlagen. Oder doch?
Die einzige Lösung, die ich dafür gefunden habe, ist die Ich-Erzählung. Im normalen Roman gibt es zwei, drei Hauptfiguren, deren Beziehungen untereinander die Hauptrolle spielen. In der Reiseerzählung haben wir nur den Reisenden. Wenn ich in dem Moskau-Buch das Ich nicht hätte, wäre es eine lose aneinandergehäkelte Abfolge irgendwelcher Episoden. Ich wähle das Ich nicht aus Eitelkeit. Damit das Reisen einen inneren Sog bekommt und zu einer Gesamtgeschichte wird, muss es diesen Ich-Erzähler geben, der eines Morgens sagt: So, heute geh ich nach Moskau. Der Leser muss die Möglichkeit haben, mit diesem Ich-Erzähler mitzuleben, mitzuleiden, sich mitzufreuen, glücklich zu sein bei all seinen Erlebnissen.

Geht es dabei auch immer um die Frage: Warum macht sich dieses Ich jetzt auf den Weg? Ist es eine Flucht vor etwas, eine Entdeckung von etwas?
Ja, das stimmt. Ich kann die Motivation explizit machen oder im Vagen lassen. Im Moskau-Buch klingt es manchmal an, da geht es um ein ganzes Motivbündel. Da gibt es den Großvater, der im Krieg diesen Weg gegangen ist, da gibt es das Motiv des Ich-Erzählers, der rumzigeunern will. Es wird zwar nicht so explizit ausgesprochen, aber im Sound, in der Stimmung ist es drin: Lass die alle ins Büro gehen, du musst raus hier, weg hier, die Tür hinter dir zu machen, allein sein, immer weitergehen.

Wie wird man als Autor veröffentlicht?
Ich glaube, man sollte versuchen nur das zu tun, was man am besten kann und sich nicht zu überlegen, was erwartet wird oder wo Bedarf ist. Wenn da ein Talent ist, dann muss man dem folgen. Was die Reiseerzählung anbelangt haben wir in Deutschland ja immer noch einen relativ breit gefächerten Zeitungsmarkt, viele von ihnen mit Reiseteil. Ich würde mich überhaupt nicht scheuen, bei den kleinen Zeitungen anzufangen, auch wenn es vielleicht erst mal umsonst ist. Und wenn ich drei Geschichten in meinem Heimatblättchen veröffentlicht hab, und die sind gut, kann ich Kopien davon an eine größere Zeitung schicken. Das ist hundert mal besser, als wenn ich noch gar nichts geschrieben habe. Wenn ich eine Geschichte habe, die nicht das Zeug zu einem großen Roman, aber durchaus das Zeug zu einer guten Genregeschichte hat, warum denn nicht? Auch da würde ich sagen: Keine falsche Scheu. Man muss sich selbst auch realistisch einschätzen.

André Hille