„Probiert euch aus und lasst euch inspirieren!“ – Interview mit Maren Heltsche von den Digital Media Women

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In unserer Blogreihe JVM meet führen wir Interviews mit verschiedenen Akteuren aus der Buch- und Medienbranche und befragen sie zu ihrem Werdegang oder nach Tipps für den Berufseinstieg.

Wir freuen uns sehr, diesmal Maren Heltsche – Vorstandsmitglied bei den Digital Media Women u.v.m. – für einen Beitrag gewinnen zu können!


Du bist Mitgründerin des Rosegarden Magazins und von speakerinnen.org, selbständige Data-Analystin, Entwicklerin und Vorstandsmitglied bei den Digital Media Women. Wie bekommt frau so viele Sachen unter einen Hut?

Das frage ich mich auch manchmal 😉 Aber tatsächlich ist es so, dass sich viele Dinge, die ich mache gar nicht wie Arbeit anfühlen und mich auch direkt oder indirekt bei meiner bezahlten Arbeit unterstützen. Der zeitliche Aufwand für die Projekte, die ich ehrenamtlich mache, ist auch nicht immer konstant und ich kann sie ein wenig an meine vorhandene Zeit anpassen. Großartig ist auch, dass ich im vergangenen halben Jahr einen Teil meiner bezahlten Arbeit mit Speakerinnen.org verbringen konnte, da wir eine öffentliche Förderung über den Prototypefund bzw. das Bundesministerium für Bildung und Forschung erhalten haben.

Welche Schritte hast du ergriffen, um deine beruflichen Ziele zu erreichen?

Ich habe mein Abitur gemacht und studiert – damals noch mit dem Wunsch, Journalistin zu werden. Während des Studiums habe ich mich allerdings über Jobs oder Praktika in unterschiedlichen Unternehmen umgesehen und mich schließlich für einen Einstiegsjob in der Marktforschung im weiteren Sinne entschieden – ein Berufsfeld, das mir ein paar Jahre vorher noch völlig unbekannt war. Hier konnte ich mich weiterentwickeln, ein neues Geschäftsfeld und eine eigene Abteilung aufbauen. Im Rückblick fühlt es sich nicht so an, dass sich die Schritte auf diesem Weg aktiv ergriffen habe, sondern dass sie sich irgendwie gefügt haben und ich an den richtigen Stellen „ja“ sagte. Ich hatte eine Chefin und Kollegen, die mich auf diesem Weg gefördert und ermutigt haben. Das aktive Ergreifen kam danach: ich wollte mehr über die technischen Prozesse lernen, die mein Arbeitsumfeld prägten, fing an, Programmieren zu lernen und machte mich selbständig. Seitdem ist mein Alltag von vielen unterschiedlichen Projekten geprägt und von ständigem Lernen.

Und welches Erlebnis war für dich in deiner Berufslaufbahn besonders wichtig oder prägend?

Da gibt es natürlich viele. Aber vielleicht eine zentrale: Ich habe eine Weile Verantwortung in der Abteilungsleitung übernommen und habe dafür weder den Titel, noch die entsprechende Bezahlung erhalten. Nachdem ich mich länger darüber ärgerte, fragte ich eines Tages danach und bekam beides. Wichtigstes Learning daraus: Dinge ansprechen und fordern, sonst ändert sich nichts am Status Quo.

Die Plattform speakerinnen.org hilft seit Anfang 2014 mehr Fachfrauen auf die Bühnen zu bringen. Was hat sich seit dem schon getan und was muss sich noch tun?

Es gibt inzwischen ein viel größeres Bewusstsein für die unausgeglichene Geschlechterdiversität auf Konferenzen und im öffentlichen Diskurs, z.B. in den Medien. Konferenzorganisatorinnen und -organisatoren sind sensibler für das Thema und einige geben sich wirklich Mühe, mehr Frauen für ihre Veranstaltungen zu gewinnen. Das ist nicht nur der Verdienst von speakerinnen.org, auch viele andere Initiativen und Personen machten darauf schon seit langem aufmerksam, beispielsweise die Digital Media Women.

Allerdings muss sich auch noch viel tun, bei den Frauen selbst, in der Erziehung und Ausbildung, in der Verteilung von Care-Arbeit in der Familie, in den Führungsetagen und in der Konferenzbranche. Darüber könnte ich wahrscheinlich stundenlang reden, aber nur kurz ein paar Punkte: an vielen Stellen beißt sich die Katze in den Schwanz. Die Konferenzen möchten mit möglichst hochrangigen Rednerinnen und Rednern punkten. Da in den Führungsetagen aber eine Männerdominanz herrscht, ist es logisch, dass sich dieses Bild auch auf Konferenzen niederschlägt. Gleichzeitig scheinen die gleichen Redner immer wieder aufzutreten – Slots werden mit den Leuten besetzt, die man schon kennt. Für neue Akteuerinnen und Akteure bleibt oft nicht viel Raum. Fehlt vielleicht auch der Mut? Bei einigen Frauen fehlt Mut leider auch. Oft höre ich von Organisatorinnen und Organisatoren, dass sie viel Überzeugungsarbeit leisten müssen, um Frauen auf die Bühne zu bekommen. Hier hilft auf jeden Fall gegenseitiges Empowerment, Netzwerken und einfach mal ausprobieren.

2015 haben die Digital Media Women den Virenschleuderpreis (jetzt Orbanism Award) gewonnen. Dieses Jahr bist du selbst als Jurorin mit dabei. Worauf willst du bei der Auswahl der Preisträger/innen besonders achten?

Es wurden so viele großartige Projekte eingereicht, die Auswahl ist wirklich nicht einfach. Aspekte, die für mich wichtig sind, sind das Thema der Aktion, die Herangehensweise und die Motivation, die dahintersteckt.

Welche Tipps möchtest du Berufseinsteigerinnen und Berufseinsteigern unbedingt mit auf den Weg geben?

Probiert euch aus und lasst euch inspirieren von den Dingen und Aufgaben, die euch umgeben. So entdeckt ihr vielleicht Arbeitsbereiche, von dessen Existenz ihr noch nichts wusstet. Außerdem: sucht euch Verbündete, übernehmt Verantwortung, hört nicht auf zu lernen und fordert euer Recht zu gestalten ein.

Welche beruflichen Ziele strebst du noch an?

Kurz- und mittelfristig würde ich sehr gerne mehr programmieren. Um hier in meine nächste Entwicklungsstufe zu kommen, möchte ich in einem Team mit erfahreneren Entwicklern arbeiten. Entweder in einem größeren Projekt als Freelancerin oder auch in einer Festanstellung. Ich möchte Prozesse und die Zusammenarbeit von Teams gestalten und einen abwechslungsreichen Arbeitsalltag haben – in welchem Kontext genau? Dafür bin ich offen.

Wenn eine Biografie über dich erscheinen würde, welchen Titel würde das Buch tragen?

Maker statt Macker


Das Interview führte Lina Scherpe, Berlin.