Lichtblick oder Schattendasein?

Hannah Dübgen

Hannah Dübgen

Wettlesen Tag 3: Beim Einbiegen in die Zielgerade hat fast jeder, der die bisher gelesenen Texte verfolgt hat, einen Favoriten und lauscht nun wachsam, wer diesen noch vom Thron stürzen könnte.

Das Intro ertönt – die letzte Runde ist eröffnet. Den Anfang macht Hannah Dübgen mit ihrem Text „Schattenlieder“. Im Interview sagt sie später, ihr nächsten Monat erscheinender Roman „Strom“ habe sich auf Grund seiner Struktur nicht angeboten, nur in Ausschnitten vorgelesen zu werden.
„Schattenlieder“ erzählt die Geschichte einer Familie und vor allem einer Mutter, die sich nach der Geburt ihrer blinden Tochter in diese neue Situation hineinfinden muss.
Die spontane Reaktion des Publikums zeigt, die Geschichte berührt, die Jury jedoch sieht Verbesserungsbedarf. Gelobt werden die Sensibilität und die Empathie, mit denen das Thema behandelt wird; die leisen Töne, die der Text anschlägt. Nicht restlos überzeugen kann allerdings die Struktur, das „Abgrasen“ und Durchspielen aller erdenklichen Probleme und Situationen, denen sich die Familie stellen muss. Die Aneinanderreihung wirkt zeitweise wie eine nüchterne, abzuarbeitende To-Do-Liste und will nicht so recht zu der eigentlich hoch emotionalen Lage der Figuren passen. Abgefedert wird dieser Eindruck durch die sehr persönliche Erzählperspektive. Die Mutter als Ich-Erzählerin richtet sich direkt an ihre Tochter und führt so gleichzeitig auch einen Dialog mit sich selbst, in dem sie sich alles vor Augen führt, Rechenschaft ablegt und nach Lösungen sucht. Juri Steiner, der Dübgen eingeladen hat, unterstreicht dies als besonders positiv, da es große Nähe zu den Figuren ermögliche und sofort die Frage aufwerfe, ob diese Geschichte tatsächlich der Erzählerin (Autorin?) passiert sei.

An einigen Stellen wird der Text seinem Anspruch eine realistische Geschichte zu erzählen nicht gerecht, übersteigt sprachlich gelegentlich seine inhaltliche Tragweite und für jedes auftauchende Problem wird die Lösung gleich mitgeliefert. Trotzdem ist es für eine Autorin, die im Bereich der Prosaerzählung noch nichts veröffentlicht hat, ein solider ausbaufähiger Anfang. Juryvorsitzender Burkhard Spinnen jedenfalls sieht in der Geschichte eine Idylle, zwar überarbeitungsbedürftig, aber er schöpft daraus die Hoffnung, dass es immer noch möglich ist auch heute eine solche Textsorte zu schreiben.
Ein ambivalentes Meinungsbild also, aber eine versöhnliche Endnote, der man sich anschließen kann.

Hannah Fischer