Kein Leben in Schubladen

Messereporterin Britta berichtet über das Gespräch von Felicitas von Lovenberg mit Thomas Glavinic. 

Frankfurt Buchmesse, Halle 3.0 am Mittwoch, den 14.10.09 um 12:15 Uhr:

„Breakfast included“ liest man dreifarbig auf der Brust des Wiener Autors Thomas Glavinic, als Felicitas von Lovenberg ihm am Messemittwoch um die Mittagszeit auf der Bühne der FAZ zum Interview bittet. Das Frühstück wird bei Glavinic schon eine Etage tiefer gerutscht sein, denn jetzt trinkt er Rotwein – wohl wieder der weinseligen Phase nach dem Schreiben und zwischen zwei Büchern geschuldet, wie wir es aus seinem vorletzten Buch „Das bin doch ich“ wissen. Heute aber spricht er über sein neuestes Werk „Das Leben der Wünsche“, am 17. August bei Hanser erschienen und ehemals vertreten auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis 2009. Auf die Shortlist kam es nicht – auch das ein déjà vu, denn Glavinics fünften und vor-vorletzten Roman „Die Arbeit der Nacht“ ereilte das gleiche Schicksal, wie wir ebenfalls aus dem Spiel mit biographischen Fakten und Fiktionen aus „Das bin doch ich“ wissen.

Der „gute Mensch“ Glavinic parliert mit seiner Bewunderin von Lovenberg in charmantem Wienerisch und würde sich wie sein Protagonist Jonas „Viele Wünsche“ wünschen, hätte er dazu die Gelegenheit. Sein neues Buch handelt aber eigentlich von Angst, Einsamkeit und Liebe, von Letzterer vor allem und eben davon, was passierte, wenn so mancher Tagtraum plötzlich wahr würde. Weil man selbst zu feige ist, eine nicht mehr erfüllende Beziehung zu beenden, würde dieses Problem zum Beispiel durch den unbewussten Wunsch nach dem Tod des Partners gelöst. Und was geschähe, wenn die „wahre Liebe“ zur Religion erkoren und der Wunsch nach vollkommener Vereinigung wirklich wird – mit dieser Idee lässt der „areligiös erzogene“ Autor seinen Roman enden.

Jetzt liest er aber erst einmal – eine Stelle „die von Liebe handelt“, wie sich Frau von Lovenberg wünscht. Glavinic setzt an – und muss ein zweites Mal beginnen, denn es irritiert, „wenn das Rotweinglas auf einen zu stürzen droht“, und so muss es erst verschoben werden. Das Publikum lauscht; vornehmlich Menschen des dritten Lebensalters, Schüler, Studenten. Man merkt, es ist ein literarisch erprobtes Publikum. Denn obwohl der Autor aufgrund der frühen Tageszeit die detaillierte Beschreibung des Beischlafs überspringt und erst beim Aus-der-Dusche-kommen wieder ansetzt, fällt doch noch das Wort „ficken“ und keiner der älteren Herren verzieht das Gesicht.

Der Autor selbst neigt nach eigenen Worten nicht zum „Schubladisieren“, vielmehr hegt er ein „grundlegendes Misstrauen“ gegenüber der Realität und fragt sich dreimal am Tag, ob das Hier auch wirklich real sei. So sieht er sein literarisches Schaffen in der Tradition des „magischen Realismus“, bedient sich neben Kafka und Hamsun aber bei allem, das ihn fasziniert. Hauptzutat beim Schreiben sei aber seine Intuition, denn in ihr finde er eine „diffuse Klarheit“, wenn er sich „in einem Teil seines Bewusstseins bewegt, in dem alles selbstverständlich zu sein scheint“. Dorthin zu gelangen ist sein täglicher Weg zur Arbeit, wenn er „morgens am Schreibtisch ins Unterbewusstsein hinunter steigt“. Was sich dort findet und dann durch Glavinics Hirn und Hand formiert, ist, so Franziska von Lovenberg „große Literatur“, deren Impetus es (auf Nachfrage) dezidiert nicht ist, „alles zu verstehen“. Glavinic geht es um „Wahrhaftigkeit“. Und er nimmt einen letzten großen Schluck aus dem Weinglas. So wissen wir, wenn wir uns schon nicht über die Realität einig werden, wenigstens,  dass die Wahrheit schließlich beim Autor liegt – genauer gesagt: (bei dem Frühstück) in seinem Magen.

 

Britta Oesmann