„Jetzt rede ich!“ – Wenn JVMler sprechen lernen

Anhang 1

© Isabella Kortz

„Nix für Erwachsene!“, sagt Stefan Rieger und schon sind wir mittendrin in der ersten Übung. Was für eine wunderbare Abwechslung, nach all dem theoretischen Geplaudere über Bücher! Stefan Rieger ist Schauspieler und Dozent an der Uni Erlangen. Für die Jungen Verlagsmenschen leitet er einen 2,5-stündigen Workshop mit dem Titel: „Jetzt rede ich!“ – zum Thema Stimme und Sprechen. Eines meiner persönlichen Highlights während der Leipziger Buchmesse!

Anhang 2-1Besonders gut finde ich, dass Stefan uns gleich zu Anfang beruhigt: „Hier gibt es kein gut oder schlecht oder falsch und richtig, sondern nur ein anders! Denn ihr alle seid individuell und das ist wunderbar. Lasst uns Eure Stimmqualität einfach noch verfeinern und optimieren.“
Anhang 2Wir sind eine kleine Gruppe von rund 10 Teilnehmenden und machen mit, um zu lernen, wie wir uns Gehör verschaffen. Wie gelingt es, dass andere einem zuhören? Dass bei einer Rede die eigene Stimme nicht versagt? Nach einem langen Messetag mit vielen Gesprächen nicht die Heiserkeit droht? Was transportiere ich denn überhaupt, wenn ich etwas sage? Um all diese und weit mehr Fragen geht es – und Stefan Rieger beantwortet sie alle. Das Tollste daran: Nicht durch Theorie, sondern in der praktischen Umsetzung. Die Zeit vergeht wie im Flug, wir haben alle richtig Spaß zusammen, lachen viel und sind nach kurzer Zeit sehr mutig im Ausprobieren neuer und manchmal auch etwas ungewohnter Übungen. Wir sprechen, betonen, gurren, spucken, glucksen, verziehen unsere Gesichter, atmen – ohne Peinlichkeit und Scham – und lernen!

Anhang 3-1Um nur einen meiner vielen Aha-Momente in diesem Workshop zu schildern: Der Weg, die eigene Stimme besser wahrzunehmen und einschätzen und dann wirkungsvoll einsetzen zu können, beginnt mit dem Zuhören! Deshalb startet Stefan den Workshop auch damit, dass jeder von uns einen Satz über sich sagt, der ihn selbst beschreibt. Eine Teilnehmerin sagt zum Beispiel: „Ich liebe Musik und bin sehr tierlieb, manchmal aber auch launisch.“ Und unsere Aufgabe ist es, auf die Nuancen in ihrer Stimme zu achten. Welchen Klang hat sie? Ist sie hoch oder tief, rauchig oder sanft? Ist da etwa ein Subtext zu hören? Wow, ich bin überwältigt. Es ist so spannend, was ein Satz alles verrät und wie viel Informationen er gibt. Über den Charakter und auch die Gemütslage des Gegenübers. Und das, was die Person eigentlich sagen will. Hinter der Aussage. Wir spüren auch, ob es eine Stimme ist, der man zuhören will oder ob man lieber abschaltet. Hart aber herzlich zeigt Stefan uns unsere „wunden“ Punkte auf – und heilt sie. Denn unsere Welt ist so laut geworden, dass wir vielleicht verlernt oder vielmehr uns abgewöhnt haben, genau hinzuhören. Uns Zeit zu nehmen. Und einfach echt zu sein.

Anhang 3Am besten gefallen hat mir die Übung mit dem Korken im Mund. Stefan schafft es, selbst mit Korken zwischen den Zähnen noch einigermaßen deutliche Sätze hervorzubringen! Wir anderen produzieren dabei eine fröhliche Kakophonie aus Lispeln und Rachengeröchel. Aber das macht gar nichts. Zum ersten Mal fühle ich, wie meine Zunge sich wirklich im Mund verhält, wenn ich Vokale produziere.

Anhang 4Den Rest des Messe-Freitages habe ich diese geschärfte Wahrnehmung genutzt, um bewusst zu sprechen, anderen sehr gut zuzuhören – und bin zum ersten Mal nicht heiser nach Hause gegangen! Dieser Workshop ist Gold wert und absolut wiederholenswert. Danke, Stefan Rieger!

Isabella Kortz

Interview – 3 Fragen an Stefan Rieger:

1. Wie kamst Du dazu, diese Art von Workshops anzubieten?
Mein Chefausbilder während der Schauspielschule hat mir damals gesagt: „Stefan, überleg Dir mal, ob Du nicht Unterrichten willst. Das könnte etwas für Dich sein!“ Und dann bin ich da so reingerutscht und hängengeblieben. Inzwischen bin seit ein paar Jahren Dozent an der Uni Erlangen in den Bereichen Kommunikation, Sprechen, Auftreten, Präsentieren. Jetzt habe ich in Sachen Workshops immer mehr Aufträge und das Schauspielern kann ich hervorragend einbringen!

2. Was war Dein Größtes Aha-Erlebnis mit Teilnehmenden?
Ein Aha-Erlebnis ist bei jedem Kurs: Am Anfang sind die Teilnehmenden oft sehr zurückhaltend, unsicher, reserviert. Und nach nur 2,5 Stunden zeigen Sie mehr Offenheit, Lust sich zu präsentieren und ihre Angst vor dem Auftreten ist weniger geworden. Jeder Teilnehmende ist ein neues Aha-Erlebnis. Es gibt also viele, viele Momente, in denen ich merke: Da ist etwas passiert und ein verschlossener Mensch geht plötzlich aus sich heraus. Das ist die größte Wertschätzung und Anerkennung für mich als Dozent!

3. Welche Tipps gibst Du uns Jungen Verlagsmenschen, um die eigene Rhetorik zu verbessern?
– Glaubt an das, was ihr tut.
– Entscheidet Euch dafür, vor Menschen stehen zu wollen – denn das ist eine Entscheidung.
– Bereitet Euch gut vor.
– Wenn ihr wisst, was ihr tut und sagen möchtet ist das schon ein wichtiger erster Schritt.
– Übung! Übt zuhause vor dem Spiegel (ggf. auch vor anderen), trainiert täglich, laut und deutlich zu sprechen – nehmt euch vielleicht auch dabei auf!

www.stefanrieger.de