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Interview mit Ulrich Richter: Arbeitgeber müssen sich neu orientieren und viel mehr Flexibilität zeigen

Ulrich Richter, 54, ist Vertriebsleiter bei Diogenes.

 

Mit Blick auf den eigenen Werdegang: Stand für Sie bereits früh fest, dass Sie in der Buchbranche arbeiten möchten?

Ja, in den letzten drei Schuljahren vor dem Abitur kristallisierte sich das heraus. Ich hatte mehrere Bibliotheksausweise, kannte jede Buchhandlung im Umkreis und habe das meiste Geld in Bücher investiert.

Wie sind Sie in der Planung und Umsetzung Ihrer Karriereschritte strategisch vorgegangen (Studium, Praktika, Volontariat)?

Ich habe Germanistik, Geschichte, Rhetorik und Philosophie studiert, daneben etwas Kunstgeschichte und Theologie, in Germanistik und Geschichte habe ich das Staatsexamen gemacht.

Während meiner Studienzeit war ich als freier Lektor im Verlag Schönes Schwaben (gehört heute zum Silberburg Verlag) tätig. Nach dem Examen absolvierte ich dann am WBS-Kolleg in Stuttgart eine Ausbildung zum Vertriebs- und Marketingassistenten.

Welche Herausforderungen mussten Sie dabei überwinden?

Vor allem hartnäckige Kontaktpflege, und dann die Besonderheiten der Buchbranche zu lernen und zu verstehen. Auch meine einjährige Zusatzausbildung im WBS-Kolleg in Stuttgart (Klett-Verlag) und ein mehrwöchiges Praktikum beim Ravensburger Buchverlag (ohne Bezahlung) waren herausfordernd.

Haben Sie auf Ihrem Weg etwas gelernt, das Sie jungen Kolleginnen und Kollegen mit auf den Weg geben wollen?

Ja: das Ziel nie aus den Augen verlieren, hartnäckig bleiben, netzwerken, Branchenliteratur aufmerksam lesen, die eigenen Stärken hervorheben und vor allem an das eigene Glück glauben.

Nicht nur als Führungskraft muss man im Alltag oft unter Zeitdruck und Unsicherheit Entscheidungen treffen. Wie bewältigen Sie das? Haben Sie konkrete Impulse, wie Nachwuchskräfte in solchen Situationen selbstbewusster handeln können?

Man muss sich täglich bewusst werden: was ist wichtig, was ist dringlich. Diese Unterscheidung muss ständig getroffen werden. Man darf sich nicht von jedem vereinnahmen lassen und muss sich auch ganz klar abgrenzen. Wer immer fleißig ist, darf auch nein sagen. Wer immer nur ja sagt, wird ausgenützt. Das Selbstbewusstsein steigt, wenn man Dinge erledigt, ohne sich immer bei allen Vorgesetzten abgesichert zu haben. Der Mut, auch Fehler zu machen, stärkt ungemein.

Können Sie dem Branchennachwuchs drei konkrete Ratschläge zur persönlichen Kompetenzentwicklung geben?

  1. Viel Lesen (Literatur, Zeitungen, Blogs, Brancheninfos usw.)
  2. Sich permanent weiterbilden (Fremdsprachen, Betriebswirtschaft, Recht usw.)
  3. Nicht zu schnell aufgeben, wenn der Chef/die Chefin ein XXXX ist.

Gibt es eine Frage, die Sie an den Branchennachwuchs stellen würden?

Weshalb ist es so schwierig, die Gefahren zu vermitteln, die vom Onlinehandel ausgehen? Viele Menschen sind zu bequem und sehen nur die Vorteile, wenn das Paket ins Haus kommt. Was dabei an Strukturen zerstört wird, wollen viele nicht wahrhaben.

Streben Sie weitere berufliche Ziele an?

Im Moment nicht.

Es gibt häufig die Sorge, Karriere und Familie nicht gleichzeitig meistern zu können. Wie sehen Sie das. Haben Sie auch zu diesem Thema einen Ratschlag?

Die Arbeitgeber müssen sich neu orientieren und viel mehr Flexibilität zeigen: Teilzeitarbeit, Homeoffice, Jahreszeitkonto, weg von abteilungsbezogenen Arbeiten und hin zu projektbezogenen Arbeiten usw. Dann sind Karriere und Familie gleichwertig und ausgeglichen zu bewältigen.

 

Das Interview führte Larissa Schönknecht.