„Hier hängen also meine Leute rum“

Mittwoch, den 14.10.15 in Halle 4.1. B 73
Christiane Frohmann im Gespräch mit Judith Holofernes
http://space.orbanism.com

Für was steht orbanism space?
Orbanism space klingt nach Weltraum, nach Vernetzung, nach Stadt. Das hell erleuchtete Areal auf der Buchmesse und ihr bestimmende Weiß erinnern tatsächlich an Entgrenzung.
Was aber steckt hinter dem Namen? Ich treffe Christiane Frohmann, die gemeinsam mit Leander Wattig den Anstoß für diese Idee gegeben und schließlich auch umgesetzt hat.

Christiane Frohmann und Judith Holofernes auf dem Podium des Orbanism Space © Tanja Steinlechner

Christiane Frohmann und Judith Holofernes auf dem Podium des Orbanism Space
© Tanja Steinlechner

„Orbanism Space“, sagt sie, „ steht für alle Themen, die im Zusammenhang mit Digitalisierung interessant sind. Dabei sind wir sowohl Ansprechpartner für die digitale Contentindustrie als auch für deren Gesprächspartner im Netz. Als offizieller Frankfurter Buchmessepartner bieten wir eine Plattform für die Branche. Hier darf und soll lebendiger Austausch gepflegt werden. Auf Communityevents und Fachveranstaltungen debattieren wir, werfen Fragestellungen auf oder finden gemeinsam neue Denkwege.“

Künstlerische Identität und Performance auf Twitter
Wenig später erlebe ich Christiane Frohmann auf dem Auditorium. Sie ist im Gespräch mit Judith Holofernes, einer Singer-Songwriter-Autorin, wie diese sich selbst betitelt. Künstlerische Identität und Performance auf Twitter ist das Thema der Stunde. Christiane weiß von was sie spricht, sie hat lange Jahre für den Frohmann-Verlag und den Katersalon getwittert, jetzt ist das Medium zu ihrer Passion geworden.
Judith schätzt an Twitter vor allem das Gesellschaftsspiel, das aus dem direkten Bezug aufeinander überhaupt erst entstehen kann. Soziale Begrenzungen, die Begegnungen im realen Leben oft erschweren, wie z.B. große Altersunterschiede, sind hier von der Person entkoppelt. Themen finden sich auf Twitter assoziativ, sie formieren sich beinahe wie von selbst durch das Schwarmbewusstsein. So entsteht über die inhaltliche Kommunikation ein ganz neues Gruppengefühl.
Meine eigenen Assoziationen bahnen sich ihre Wege. Judiths Gedanken bereiten mir nicht nur Wohlfühlgefühle. Das mag an meiner verspäteten Lektüre von Dave Eggers „The Circle“ liegen, die mich jüngst begleitet. Dennoch, auch ich nutze Twitter und Co, schätze die sozialen Medien, freue mich über den gleichzeitigen Kommunikationsfluss und seine Möglichkeiten, meine räumliche Ungebundenheit, will ich mich mit Menschen, unabhängig von ihrem Aufenthaltsort, vernetzen.
Judith Holofernes erinnert sich gerade an ihre Position in der Schule.: „Ich war ein Nerd. Was meine Umgebung aber noch viel mehr verwirrte, ich war ein Nerd, der seiner Rolle niemals voll gerecht geworden ist.Vielen schreibenden Menschen ergeht das womöglich ähnlich. Auf Twitter hatte ich mit einem Mal das Gefühl, hier hängen also meine Leute rum. Ich weiß das recht genau, schaue ich mir doch die Profile meiner Follower an, weil ich mich für sie interessiere. Jeden begrüße ich persönlich.“
„Twitter kann“, so Christiane, „auch für Autoren eine bedeutende Rolle einnehmen. Solche Beobachtungen habe ich schon gemacht. Dort versammeln sich Künstler und manche entwickeln hier ihre ganz eigene Stimme.“
Autoren, deren Werksprozesse und handwerkliche Entwicklung Leser verfolgen können. Autoren, die reifen durch die direkten Reaktionen ihrer Crowd, die – so Christiane – „Resonanzschleifen erzeugen“.
Auch Judith hat ebendies schon getestet: Einen neuen Songtitel ins digitale Universum schicken, um auszuprobieren, ob er sich trägt, ob er auch für Andere verständlich ist, ob er ähnliche Assoziationen hervorruft wie die erwarteten.
Den besonderen Reiz von Twitter macht aber der Grenzgang zwischen ästhetischem Anspruch und sozialen Belangen aus.

Das Fazit der Debatte

© Tanja Steinlechner

© Tanja Steinlechner

Twitter sollte weniger ein Marketingtool sein als vielmehr eine Plattform für kreative Köpfe, Künstler und Nerds, die den Austausch suchen, die unter sich ästhetische Gesetze neu aushandeln und formieren, die einen Erprobungsraum schaffen, ein Inspirationszentrum. Quasi nebenbei kommen diejenigen zusammen, die „lieben, was Du liebst“, sagt Judith. „Am Ende siegt der Spieltrieb.“
Ich frage mich, ob sie neulich Juli Zeh gelesen hat oder ob Spielen vielmehr der neue Trend ist. Ich spiele mit und schlage als Gewinner Kurt Schwitters vor, weil er als leider bereits verstorbene Zielgruppe ein Vordenker des Twitterzeitalters war, ohne es auch nur im entferntesten zu ahnen: „Ein Spiel mit ernsten Problemen. Das ist Kunst.“

P.S.: Holofernes hat jüngst ein Lyrikbändchen mit Tiergedichten herausgegeben und beantwortet all Eure Fragen bezüglich Ihres Auftritts im orbanism space auf Twitter.

Holofernes, Judith: Du bellst vor dem falschen Baum. Tiergedichte mit Illustrationen. Stuttgart, 2015. ISBN: 978-3-608-50152-0

Von Tanja Steinlechner