Grenzüberschreitungen entlang der Nordsee – ein Blick auf die Buchbranche in den Niederlanden und Flandern

Deutschland ist für die Niederlande der wichtigste Übersetzungsmarkt. In Belgien ist es zwar eher Frankreich, aber viele flämisch schreibende Autorinnen und Autoren zieht es zu niederländischen Verlagen. Somit spielen Grenzüberschreitungen in mehrfacher Hinsicht eine Rolle. In dieser Diskussionsrunde ermöglichten die Referentinnen den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern einen Einblick in die Buchbranchen der Gastländer, insbesondere was die Rolle von Frauen im Buchmarkt und Verlagswesen betrifft.

Zu Gast waren Jacqueline Smit, Gründerin und Verlegerin (Uitgeverij Orlando, NL), Mireille Berman, Vermittlerin beim Nederlands Letterenfonds, Eva Cossée, Gründerin und Verlegerin (Uitgeverij Cossee, NL) und Patricia Defour, Verlegerin (WPG Uitgevers, Belgien). Moderiert wurde die Runde von der Autorin, Herausgeberin und BücherFrau Doris Hermanns (Link), die selbst 25 Jahre lang in den Niederlanden gelebt und dort ein Antiquariat geführt hat.

Mireille Berman ©Sandra van Lente

Mireille Berman ©Sandra van Lente

Hoher Frauenanteil, wenig Aufmerksamkeit?

Als eine erste Gemeinsamkeit der deutschen, niederländischen und belgisch-flämischen Buchbranche fiel der hohe Frauenanteil ins Auge. Die Gäste bemerkten, dass in den Niederlanden auch viele Frauen in Top-Positionen angekommen seien (mit Ausnahme von großen Konzernen). Allerdings betrug der Frauenanteil bei den zur Buchmesse eingeladenen Autor_innen und bei den Büchern, die in den letzten beiden Jahren in Übersetzung in Deutschland veröffentlicht wurden, etwas unter 30%. Im Gespräch kam aber auch heraus, dass sich in den letzten Jahrzehnten bereits einiges verbessert habe – und nicht nur, dass die Abstimmungen in den Chefetagen nicht mehr „Herrengespräche“ genannt werden. Mireille Berman antwortete auf die Frage, was sie anders mache als ihr männlicher Vorgänger beim Letterenfonds, dass sie beispielsweise darauf achte, dass Frauen in den herausgegebenen Listen nicht unterrepräsentiert sind. „Wir sollten die soziale Ungleichheit nicht auch noch reproduzieren“, sagte sie. Jedoch sei es auch notwendig, sich nicht allzu weit von der Nachfrage des Marktes zu entfernen – es sei „ein Balanceakt“. Leider existierten nach wie vor einige Stereotype, wie beispielsweise, dass Frauen weniger begabt bei der Produktion von „ernster Literatur“ und Sachbüchern seien. In diesem Kontext habe Jacqueline Smit ihren Verlag bewusst nach Virginia Woolfs Werk „Orlando“ genannt, um nicht als „chick lit“ vermarktet zu werden, sondern den Qualitätsanspruch schon im Namen deutlich zu machen.

Eva Cossee und Doris Hermanns  ©Sandra van Lente

Eva Cossee und Doris Hermanns ©Sandra van Lente

Starke Frauen – starke Leserinnen und Leser?

Eva Cossée berichtete von einigen vergriffenen Büchern, die sie in ihrem Verlag neu auflegt, nachdem sie sie im Nachlass ihrer Mutter entdeckt hatte. Darunter waren zum Beispiel Dola de Jongs „En de Akker is de Wereld“ („Das Feld in der Fremde“) und Ida Simons‘ „Een dwaze maagd“ („Vor Mitternacht“) – beide inzwischen auch auf Deutsch erhältlich. Zwar habe sie das Ganze nicht als politisch motiviertes Projekt in Angriff genommen, doch die Bücher sind sehr wohl politisch und liefern mit ihren Perspektiven starke und unabhängige Frauenfiguren. Patricia Defours Frage, ob die von Frauen geschriebenen Bücher auch von Männern gelesen werden, war nicht so leicht zu beantworten; jedoch wusste Eva Cossée zu berichten, dass die Bücher sehr positive Rezensionen von Männern erhielten. Und starke (Frauen)Figuren und „role models“ könne man in jeder Zeit gebrauchen, da waren sich alle einig.

Die Merkelbach Genootschap

Jacqueline Smit und zwei weitere Mitstreiterinnen haben mit 28 weiteren Frauen die Merkelbach Genootschap gegründet – auch als Gegengewicht zu vielen „old boys networks“, die Frauen nicht offenstehen. Die Merkelbach Genootschap ist ein Branchennetzwerk von Frauen im niederländischen Buchmarkt, ganz ähnlich wie die BücherFrauen in Deutschland oder die Women in Publishing in Großbritannien. Das Netzwerk existiert und funktioniert bereits seit drei Jahren und interessanterweise sagte die Mitgründerin selbst, sie wolle es gar nicht für immer weiterführen, sondern hoffe, es werde irgendwann überflüssig. Allerdings sei dieser Zeitpunkt noch lange nicht gekommen.

Patricia Defour ©Sandra van Lente

Patricia Defour ©Sandra van Lente

Gründerinnen, Vorbilder und Hoffnung

Eva Cossées Plan, einen eigenen Verlag zu gründen, wurde damals von Klaus Wagenbach mit den Worten „herzlich Willkommen in der Todeszone“ kommentiert (er hatte aber auch ein paar gute Tipps parat). Tatsächlich ist die Verlagsbranche auch in den Niederlanden keine Goldgrube und in der Runde kamen Fragen auf, ob Frauen weniger gründen oder bei der Gründung zurückhaltender seien. Tatsächlich fielen den Referentinnen nur wenige Verlagsgründerinnen im niederländischen Sprachraum ein. Als ein Grund dafür wurden beispielsweise Hemmungen vermutet, über Geld zu sprechen und riskante Manöver zu wagen, insbesondere bei den älteren Generationen. Und Patricia Defour konstatierte, im belgischen Flandern sei es noch krasser, weil der Markt noch kleiner sei als in den Niederlanden und die Unternehmerkultur nochmal anders. Vorbilder seien (wie immer) hilfreich – und Jacqueline Smit eröffnete uns, dass Eva Cossée eins ihrer Vorbild gewesen sei.

Zum Abschluss gab es noch eine erfreuliche Feststellung: Els Kloeks Buch „1001 Vrouwen uit de Nederlandse Geschiedenis“ (2013) – Biografien von Frauen, die eine große Rolle in der niederländischen Geschichte gespielt haben aber in Vergessenheit geraten sind – wurde zum besten Geschichtsbuch aller Zeiten gewählt (Link zur Bestenliste und dem Preis des Historisch Nieuwsblad). Ein weiteres Zeichen dafür, dass Autorinnen ihren Platz in weiteren Bereichen erkämpft haben und nicht nur auf bestimmte Genre reduziert werden.

 

Sandra van Lente

 

Über die Referentinnen:

Jacqueline Smit, Verlegerin, war in diesem Jahr zum 25. Mal auf der Frankfurter Buchmesse. Nach ihrem Studium und einigen Jahren in der Buchbranche, führt sie seit 2015 als Inhaberin den Orlando Verlag. Außerdem ist sie seit zwei Jahren die Inhaberin von Boekalicious, einem Kochbuchhandel in Amsterdam. Und sie ist Mitbegründerin der Merkelbach Genootschap, dem niederländischen Äquivalent zu den BücherFrauen / Women in Publishing.

Mireille Berman, Vermittlerin, studierte Geschichte an der Universität von Amsterdam, arbeitete als Redakteurin im Bereich Non-Fiction bei verschiedenen Verlagen und ist inzwischen beim Nederlands Letterenfonds, der niederländischen Literaturstiftung, wo sie niederländische non-fiction Bücher an ausländische Verlage vermittelt.

Eva Cossée, Verlegerin, studierte Niederlandistik, Skandinavische Sprachen und Literaturwissenschaften. Sie hat in verschiedenen Funktionen in Verlagen gearbeitet und 2001 ihren eigenen Verlag gegründet, die Uitgeverij Cossee. Sie veröffentlicht niederländische und übersetzte Literatur, sowie Non-Fiction.

Patricia Defour, Verlegerin, hat Niederländisch und Englisch studiert. Zunächst Redakteurin beim Standard Verlag in Antwerpen, ist sie nun Verlegerin für illustrierte Non-Fiction beim Verlag WPG in Belgien.