Gastland Island

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Als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2011 wird es Island, die kleine abgeschiedene Inselnation im Nordatlantik, einfach und schwer gleichzeitig haben.

Als Gastland der Frankfurter Buchmesse 2011 wird es Island, die kleine abgeschiedene Inselnation im Nordatlantik, einfach und schwer gleichzeitig haben. Einfach deshalb, weil viele Menschen in Deutschland mit einer ungebrochenen Faszination auf die gut 300.000 Einwohner große Nation blicken, und fast schon automatisch gewillt sind, den Isländern einen aus der abgeschiedenen Lage herrührenden genialistischen Zug zu unterstellen. Und genau das ist auch die Schwierigkeit. Abgesehen vielleicht von Yrsa Sigurðardóttir istkein anderer isländischer Schriftsteller zurzeit so präsent und gelobt wie Arnaldur Indriðason. Die Kriminalromane des 1961 in der Hauptstadt Reykjavík geborenen Autors sind in Deutschland überall greifbar und schwimmen ganz oben mit auf der Welle der Begeisterung für die skandinavischen Krimis. Doch eine intuitive Vermutung wird beim näheren Blick auf die Verlags- und Literaturlandschaft der Insel schnell bekräftigt: es gibt literarisch doch eigentlich viel mehr zu entdecken. Die Dichtung der Insel, die mit Halldór Laxnesswahrscheinlich die kleinste mit einem Literaturnobelpreis ausgezeichnete Sprachgemeinschaft der Welt ist, ist unglaublich vielgestaltig und thematisch breit gefächert.

Gastland IslandUnd die Isländer sind sich diesen Potentials bewusst. Halldór Gúðmundsson, Direktor der Initiative „Sagenhaftes Island“ sprach auf der vergangenen Messe von einem großen Interesse deutscher Verlage, das den Isländern entgegengeschlagen ist. Im Vorfeld des Auftritts als Gastland 2011 sind bereits bis heute mit deutschen Partnerverlagen über 100 Übersetzungen angestrebt, Themen und Inhalte den Islandkrimi weit überschreiten.

Auf den einzigartigen Charakter der isländischen Literatur, ihre Vielfalt und lange Tradition weist Katrín Jakobsdóttir, linksgrüne Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur Islands hin. „Die Literatur spielt eine zentrale Rolle für das Selbstbild der Isländer. Wir haben aufgrund unserer besonderen Sprachgeschichte um Gegensatz zu allen anderen Sprachen immer noch einen direkten und unmittelbaren Zugang zu den literarischen Zeugnissen des Mittelalters, die auch heute noch von Bedeutung sind“. Und ein solcher Zugang ist demnächst auch dem deutschsprachigen Publikum möglich. Eine verlegerische Leistung unternimmt der S. Fischer Verlag mit der Herausgabe und Kommentierung der Isländersagas in Kooperation mit der Kunststiftung NRW. Die Sagas, die bisher nur in wissenschaftlichen Editionen und Teilausgaben erhältlich waren, sind das kulturelle Gedächtnis der Isländer, schildern die rund 40 Geschichten doch im hochpoetischen Altnordisch das Leben und Wirken der ersten aus Norwegen stammenden Siedler.

Zu den geplanten Neuerscheinungen, die jeden literarisch interessierten aufhorchen lassen sollten, gehört „Gift für Anfänger“ von Eiríkur Örn Norðdahl. Norðdahl, der von der Presse bereits mit dem in Island überaus populären mittelalterlichen Skalden Snorri Sturluson verglichen wurde, schildert die vom Liebeskummer ausgelösten komplexen menschlichen Zustände, in denen sogar eine Amour fou mit einem Dornbusch nicht abwegig erscheint. Der Dichter Sjón veröffentlicht mit „Das Gleißen der Nacht“ seinen zweiten erzählenden Text auf Deutsch. Sjón, eigentlich Sigurjón Birgir Sigurðsson hat bereits mit Björk zusammen gearbeitet und auch für den Lars von Trier Film „Dancer in the Dark“ Texte beigesteuert. Während er in Deutschland mit „Schattenfuchs“ aus dem Jahre 2007 einige Bekanntschaft erlangte, ist Sjón in Island eine große Nummer.

„Die isländischen Verlage hoffen auf die Nachhaltigkeit des Interesses, das mit dem Engagement als Gastland geschürt wird“, sagt Gúðmundsson und fügt hinzu, die drastischen Auswirkungen der Finanzkrise, die Island quasi Zahlungsunfähig machte, in kultureller Hinsicht nicht als limitierenden Faktor zu verstehen. Und Zeugnis von dem kritischen Geist sich selbst gegenüber, den Gúðmundsson als Vertreter einer Initiative die von isländischen Regierung finanziert wird, in diese seine Worte gehüllt hat, wird von Steinunn Sigurðardóttir in aller Deutlichkeit in Frankfurt artikuliert: „Glaubt nicht den Politikern und ihren Reden von der grünen und angeblich besseren Energie und all den Lügen, die um die Finanzkrise gesponnen wurden“. Dass die Verlagswelt einen wirtschaftlichen Aufschwung herbeiführen könnte, dieser Wunsch ist wahrscheinlich zu allen Zeiten eine Illusion gewesen, ein realer Wunsch für das deutschsprachige Publikum und die Isländische Literatur allerdings ist die Entdeckung weiterer hochkarätiger Schriftsteller vom Schlage Snorris, Halldór Laxness´, Gunnar Gunnarson oder Jón Kalman Stefánsson.

Jan Hillgärtner