Facebook-Chat in Hegel-Manier

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Senthuran Varatharajah gewinnt den 3Sat-Preis in Klagenfurt CC-BY-NC-SA 4.0 Virginia Kalla

Der Berliner Jungautor Senthuran Varatharajah gewinnt bei den 38. Tagen der deutschsprachigen Literatur den 3Sat-Preis

Ganz knapp setzt sich Tex Rubinowitz in der Stichwahl zum Bachmannpreis, dotiert mit 25.000€, vor Senthuran Varatharajah durch. Sein Text „Vor der Zunahme der Zeichen“ ist die Facebook-Konversation zweier Kinder politischer Flüchtlinge mit unterschiedlichen Migrationshintergründen. Die beiden Unbekannten vertrauen sich Episoden ihrer Kindheit und Jugend an, um das Aufeinanderprallen der Kulturen zu verarbeiten. Der Text überzeugt mit seiner philosophisch-religiösen Sprache und seinem poetischen Gespür – kein Wunder, promoviert der Autor zurzeit in Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin. Durch seine Wahl der Textform, der den durchmedialisierten Alltag der Gegenwart widerspiegelt, fängt Varatharajah nicht nur die Stimme einer jungen Generation im „Zeitalter des Asyls“ (Feßmann) ein, sondern erzeugt, laut Hildegard Keller, auch durch eine virtuelle platonische Liebesbeziehung in einem Spannungsfeld zwischen Begegnung und Nicht-Begegnung.

Als Überraschungskandidat galt Varatharajah vor seinem Vortrag allemal. Der Newcomer hat sich für den Preis nicht beworben, sondern wurde von Jurorin Meike Feßmann eingeladen, die durch seine Bewerbung für das Alfred-Döblin-Stipendium auf ihn aufmerksam wurde. In ihrer Laudatio sagt sie über Varatharajah, dass dieser die deutsche Literaturgeschichte in Zukunft prägen wird. Bis jetzt hat er noch keine literarische Veröffentlichung, was sich aber bald ändern wird, da „Vor der Zunahme der Zeichen“ ein Auszug aus seinem bald erscheinenden Roman ist.

Von Virginia Kalla