Ein Tag wie im Bilderbuch – Die Hamburger Kinderbuchtage 2014

image1Unter dem Motto „Begegnen – Kennenlernen – Diskutieren – Selber machen – Vernetzen“ fand am 15. und 16. April 2014 bereits zum 5. Mal der Hamburger Kinderbuchtag im Hamburger Kinderbuchhaus statt. Dieses Jahr erstmals zweitägig – mit doppelter Vernetzungs- und Begegnungsmöglichkeit.

Der Hamburger Kinderbuchtag ist ein Angebot für alle „Kulturarbeiter“ aus Verlagen, Buchhandlungen und Lernbegleiter in der frühkindlichen Bildung, aus Kitas oder Schulen. An diesem Tag „wie aus dem Bilderbuch“, vermitteln Profis aus dem Bereich der Bilderbuch-Kultur angehenden Profis Wissenswertes rund um das Thema Kinderbuch – aus der Praxis für die Praxis.

FotoKerstin Hof, Leiterin des Weiterbildungsbereichs des Hamburger Kinderbuchhauses, begrüßte die Teilnehmer Dienstagmorgen zum ersten Kinderbuchtag. Sie war es auch, die mit offenen Augen und Ohren für die Wünsche und Bedürfnisse aller Teilnehmer, durch beide Tage führte. Und die waren vollgepackt mit spannenden Vorträgen und Workshops. Denn genau dafür stehen die Hamburger Kinderbuchtage: Umfangreiches Angebot, Abwechslung, aber vor allem Kreativität und Spaß!

Nach Begrüßungsworten und Vorstellungsrunde hielt Nina Kuhn den ersten Vortrag, eine Einführung in die Hamburger Kinderliteraturlandschaft. Besonders erwähnenswert hierbei, die Initiative Buchstart. Bei diesem Projekt bekommen Eltern zur U6-Vorsorgeuntersuchung ihres Kindes einen mit Bilderbüchern gefüllten „Buchstart“-Jutebeutel geschenkt. Vorsichtige Schätzung von Nina Kuhn: „Mit ‚Buchstart‘ erreichen wir – über den Umweg der Mediziner – ca. 95% aller Eltern.“ Die Buchstart-Taschen enthalten zwei ausgewählte, jährlich wechselnde Bilderbücher, einen Bücherhallengutschein und viele Bücher-Tipps und Anregungen für Eltern. Eine großartige Initiative, die sich um die sprachliche, motorische und emotionale Entwicklung von Kleinkindern bemüht.

„Die ersten und besten Lehrer für Kinder sind ihre Eltern.“ – Nina Kuhn

Frank Kühne, Lektor beim Carlsen Verlag, beeindruckte gar mit einer humoristischen Einlage á la Science-Slam, indem er temporeich die 10 Stufen des Lesenlernens vorstellte und mit dem Vorurteil aufräumte, Lesenlernen beginne erst mit der Schulzeit. Ganz im Gegenteil dauere der Prozess des Lesenlernens ganze 10 Jahre und beginne bereits im Alter von ca. einem Jahr. In dieser Phase würden Kleinkinder beginnen, den Unterschied zwischen 2D und 3D, zwischen Abbildung und Wirklichkeit zu begreifen. Und dies im wahrsten Sinne des Wortes, denn man könne Kleinkinder oft beim Greifen nach Buchillustrationen und Abbildungen beobachten – das Kind hält in diesem Alter die Abbildung nämlich noch für Realität.

image2Nebenan in der Werkstatt toben normalerweise Schulklassen, kleben, drucken, basteln. In diesen Genuss kamen Dienstagmittag die Teilnehmer des Kinderbuchtages. Nachdem die ersten Berührungsängste überwunden waren (wann hatte man das letzte Mal Leim an den Händen?), klappte das Siebdrucken auch richtig gut. Stolz und strahlend verließen die Erwachsenen nach einer Stunde den Raum, in dem die Stühle Tennisballschuhe tragen, mit einem selbstgemachten Zauberleporello. Im Abschlussblitzlicht waren sich alle einig: Highlight!

„Es kann nicht sein, dass Leseförderungsprojekte immer nur durch unbezahltes Ehrenamt funktionieren.“ – Nina Kuhn

Das Kinder- und Jugendbuch wird in Deutschland leider immer noch oftmals belächelt, im schlimmsten Fall als Karrieresprungbrett in die Erwachsenen-Belletristik verstanden. Nicht nur im künstlerischen Bereich, besonders in der Literaturvermittlung. Ein Thema, das alle Teilnehmer und Dozenten beide Tage sehr beschäftigte: Müsste man nicht viel spezieller qualifiziert sein, um mit Kindern arbeiten zu dürfen? Wieso wird Arbeit mit Kindern immer noch belächelt und vor allem schlechter bezahlt? (Marie-Thérèse Schins erläuterte in ihrem Vortrag, dass dieser Umstand ein deutsches Problem sei. Im europäischen Ausland sei das soziale und bildungstechnische Ansehen von Literaturvermittlern und –pädagogen sehr viel höher.) Doch gerade diesen Umstand versucht das Hamburger Kinderbuchhaus mit seinem Weiterbildungsangebot zu verbessern. In der Weiterbildung zum Literaturpädagogen können sich interessierte Lehrer, Sozial-Pädagogen, Erzieher, Bibliothekare und Buchhändler zu professionellen und anerkannten Fachkräften ausbilden lassen.

“Einen Erwachsenen nennt man jenes Krüppelwesen, das in einer entzauberten Welt sogenannter Tatsachen existiert.” – Michael Ende

Alle anderen Vorträge und Workshops haben einen ebenso positiven wie auch tiefen Eindruck hinterlassen. Die Einführung in die Agenturarbeit mit Susanne Koppe, der Erfahrungsbericht einer renommierten Künstlerin wie Sabine Wilharm oder die berührenden Fotos von Marie-Thérèse Schin, die Kreativworkshops in Krisengebieten rund um die Welt anbietet – um nur ein paar weitere zu nennen. Mit Werkstatt-Du, Offenheit und großer Freude haben die Teilnehmer zwei abwechslungsreiche Fortbildungstage miteinander verbracht. Gekrönt durch das wunderbare Mittagsbuffet des skandinavischen Cafés Saltkråkan, das schwedische Leckerbissen zur Verfügung stellte. Die kleine Gruppengröße sorgte für guten Austausch untereinander und eine herzliche Atmosphäre.

Nicht nur für Kinderbuchlesende und –machende sind die Hamburger Kinderbuchtage deshalb eine fantastische Möglichkeit, professionellen Akteuren der Kinderbuch-Welt zu begegnen und sich Fachwissen aus unterschiedlichen Bereichen rund um die Kinderbuch-Kultur anzueignen. Jeder Interessierte sollte mindestens einmal in diese Beste aller Welten eintauchen!

„Eine Kindheit ohne Bücher wäre keine Kindheit. Es wäre, als ob man aus dem verzauberten Land ausgesperrt wäre, aus dem man sich die seltsamste aller Freuden holen könnte.“ – Astrid Lindgren

Bericht + Fotos: Laura  Sonnefeld