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Ein Plädoyer für den Bewerb

Auf dem Rückweg von Klagenfurt nach Köln blicke ich noch einmal aus dem Flugzeug auf den türkisblauen Wörthersee: Wieder ein Jahr Bachmannpreis vorbei. Wieder war noch während des Wettbewerbs und in der Woche darauf viel Kritik in den Medien zu lesen: Die Jury sei schwach und verunsichert in ihrer Diskussion gewesen (Deutschlandradio Kultur), der Wettbewerb verlogener als Castingshows im Fernsehen (Spiegel) und Stefanie Sargnagel sei nur des Hypes wegen eingeladen worden.

CC BY-NC-SA 4.0 Lisa-Marie George

CC BY-NC-SA 4.0 Lisa-Marie George

Doch trotz alljährlich wiederkehrender Häme gibt es sie noch – die Tage der deutschsprachigen Literatur. Ein einziger „Germanisten-Porno“, wie es Nora Gomringer, Bachmannpreisträgerin 2015, treffend formulierte.

 

So kann man aus wissenschaftlicher und lesebegeisterter Sicht dem Juryvorsitzenden Hubert Winkels nur beipflichten, der die Wichtigkeit von althergebrachter Literaturkritik in Zeiten von Twitter-Kurzkritik, Amazon-Rezension und professionalisierten Literaturblogs betont: „Und wenn von außen gemault wird, das sei eine Art der Literaturbetrachtung wie vor 50 Jahren oder vor 150 Jahren, kann ich nur sagen, das ist ja richtig, das ist ja auch gut so. […]“

 

Warum muss man eigentlich für oder gegen den Bachmannpreis sein? Warum muss man Stefanie Sargnagel als literarisches Wunder feiern oder als Nervensäge abtun? Neben dem medialen Drumherum, sind die TddL für mich eine tolle Gelegenheit, mich mit anderen auszutauschen. Es sind die Gespräche über Texte und Literaturbetrieb, die sich so wunderbar im Garten des ORF, am Lendhafen oder im Bad Maria Loretto am Wörthersee führen lassen. Es ist das Reden über Literatur, der direkte Austausch, der Spaß macht – und das funktioniert auch über Twitter.

CC BY-NC-SA 4.0 Lisa-Marie George

CC BY-NC-SA 4.0 Lisa-Marie George

Unter #tddl16 diskutiert die Netzgemeinde (einschließlich Juror Klaus Kastberger, der auch mal gerne während einer Lesung einen Tweet absetzte) parallel zur Live-Übertragung Texte, Lesungen und nicht zuletzt auch die Jurystimmen, was stellenweise sogar unterhaltsamer ist, als das Geschehen im Studio.

Alle, die sich virtuell oder real vor Ort zu dieser Gelegenheit treffen, wollen gute Texte hören bzw. lesen. Ein Bedürfnis, das direkt den literarischen Salons des 18. und 19. Jahrhunderts entsprungen zu sein scheint. Wie man da auf den Gedanken kommen kann, DSDS mit dem Bachmannpreis zu vergleichen – verlogenes Vorführen von Kandidaten mit direkter Kritik an schriftstellerischen Arbeiten – das bleibt mir schleierhaft.

 

Eins ist klar: Ich bleibe dem Bewerb treu!

 

Vielen Dank an Ursula Renner-Henke für die Möglichkeit des Austauschs über Literatur, egal ob an der Uni Duisburg-Essen oder direkt in Klagenfurt. Danke auch an Friederike Kretzen für tolle Gespräche über neue Texte und Heimo Strempfl für den stets netten Empfang im Musil-Museum.

Und ein großes Dankeschön für die tollen Tage an die anderen Vorort-Reporter der JVM bei den diesjährigen TddL.

CC BY-NC-SA 4.0 Ursula Renner-Henke

CC BY-NC-SA 4.0 Ursula Renner-Henke

 

Lisa-Marie George (Universität Duisburg-Essen, Germanistik)