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Die Unlust an Texten vom Discounter

Maria GazzettiEin weiteres Interview mit einer Persönlichkeit der Frankfurter Literaturszene.

Frau Gazzetti, bevor Sie 1996 die Leitung des Literaturhauses übernahmen, arbeiteten Sie als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten und verantworteten zuletzt die „Europäischen Literaturdialoge“ der Stiftung Niedersachsen…
… in der Bibliothek Wolfenbüttel, ja. Nebenbei habe ich nach meinem Studium immer auch publizistisch gearbeitet. Ich schrieb Artikel für die TAZ, die Frankfurter Allgemeine und DIE ZEIT und habe eine Biographie von D’Annunzio bei Rowohlt veröffentlicht. Während dieser Zeit wohnte ich in Hamburg im Künstlerhaus, das von der Stadt unterstützt wurde. Es fanden zahlreiche Ausstellungen statt, und ich lernte, wie man die Menschen einlädt, sie richtig begrüßt und so weiter.

Wie kamen Sie dann nach Frankfurt?
Im Literaturhaus Hamburg hatte ich bereits erste Erfahrungen gesammelt, wie eine solche Institution funktioniert. Dennoch war ich vor meiner Zeit in Wolfenbüttel noch etwas naiv. Um es polemisch zu sagen: Ich dachte, „Oh Gott, da muss man sich im Supermarkt der Literatur bedienen.“ Und ich hatte einfach keine Lust auf Texte vom Discounter. Durch die Arbeit an den Literaturdialogen merkte ich dann, dass das Einbringen eigener Vorstellungen wichtig und gewünscht ist. Und wir hatten tolle Autoren zu Besuch, Peter Esterházy, Saramago, Nizon. Die Themen waren sehr weit gefasst. Es gab Veranstaltungen zum Roman und zur Nationalliteratur. Ich merkte, dass es mir gelang, Leute für meine Sache zu gewinnen, auch am Telefon. Wenn man die Menschen nicht kennt, muss man den richtigen Augenblick erwischen, und sein Gegenüber bei der Stange halten können. Eigentlich hatte ich damals für Rowohlt eine Biographie über Calvino geplant, als dann der Anruf aus Frankfurt kam.

Wie gehen Sie bei der Programmarbeit vor? Wie wichtig ist ein eigenes Urteil für Ihre Arbeit, orientieren Sie sich stark an Verkaufslisten?
Es gibt genügend gute Literaturen, um ein Programm zu füllen, meistens haben wir dafür zu wenig Tage in der Woche. Und es gibt auch spannende literarische Titel auf den Listen. Man muss dem Programm aber ein Gesicht geben, und das kommt durch die Leitung, die vor allem auch nein sagen können muss. Natürlich arbeiten wir schon auf die Aufführungen der Texte hin und orientieren uns dafür an den Neuerscheinungen. Ein hundertprozentiger Spiegel der eigenen Vorlieben darf und kann ein Literaturhausprogramm nicht sein. Trotzdem war es gut, dass ich seinerzeit völlig unbelastet in diese Stadt kam, und nicht als Emporkömmling irgendeines Klüngels.

Die besser besuchten Veranstaltungen werden vermutlich dennoch die sein, die mit großen Namen locken können…
Ja, das ist leider oft so. Wir haben auch Lesungen mit Chamisso-Preisträgern gemacht; wenn da 60 Leute kommen, ist das schon ein guter Schnitt, was wiederum schade ist. Unser Bestreben ist es, den Autoren ein gewisses Publikum zu bieten. Prinzipiell muss man unsere Arbeit aber auch an den Veranstaltungen ablesen, die wir nicht machen.

Lesungen haben häufig etwas leicht Angestaubtes. Wie schaffen Sie es, das jüngere Publikum für Ihr Programm zu begeistern?
In den vergangenen zehn Jahren sind Lesungen gesellschaftsfähiger geworden. Früher sagte man, „Wer geht denn schon dahin? Zehn esoterische Damen um die 50.“ Entschuldigung (lacht). Das, wovon Sie sprachen, können alle Literaturhäuser beobachten. Wir reden hier über etablierte Institutionen, die etwas sehr Bürgerliches an sich haben. Vielleicht bewegen die jungen Menschen sich lieber in einem anderen Rahmen. Ich denke, sie müssten da vielmehr mit spielen. Aber die Studenten sind leider wenig präsent in Frankfurt. Ich frage mich sogar, ob sie zeitgenössische Literatur überhaupt interessant finden.

Zur Not müsste man vielleicht etwas nachhelfen…
Wenn man die Mittel hätte, könnte man hier einiges ausprobieren, sich das Ganze eher als Labor vorstellen, ein vielbemühtes Wort, ich weiß. Man könnte filmisch arbeiten, kleine Theateraufführungen machen, tagsüber liefe hier alles werkstattartiger ab…

Wie viele Veranstaltungen bieten Sie denn pro Jahr an? Und: Bei wie vielen davon sind Sie selbst anwesnend?
Wir machen zwei bis vier Veranstaltungen pro Woche, Tendenz steigend. Sie müssen verstehen: Wir leben hier. Selbstverständlich gibt es auch noch die Büroarbeiten zu erledigen. Nachdem man im Vorfeld alles zusammengezurrt hat, freut man sich dann aber auch sehr darauf, endlich den Autor kennenzulernen.

Und wann genau lesen Sie deren Texte?
Das frage ich mich auch (lacht). Im Ernst, ich war immer eine sehr schnelle Leserin. Ich nehme die Bücher mit ins Schwimmbad, auf dem Liegestuhl, die Druckfahnen auf dem Schoß, gerate ich dann immer in so eine Zwischenstimmung. Ansonsten lese ich viel auf Reisen und am Wochenende. Mein Leben ist ja durch die Arbeit schon gesellig genug, da habe ich abends nicht immer noch das Bedürfnis, jemanden zu sehen, und kann daheim in Ruhe meine Leseorgie veranstalten. Allerdings habe ich auch keine Kinder. Prägnanter Weise haben die Frauen in meinen Positionen alle keine Kinder, die Männer hingegen schon… (schmunzelt)

Zum Schluss noch die Frage, welchen Autor Sie aus ganz persönlichen Gründen gerne einmal im Literaturhaus lesen hören würden?
Darf ich auch die Toten nennen?

Aber selbstverständlich
Ich fange doch lieber mit den Lebenden an. Botho Strauß kommt mir da zuerst in den Sinn. Und auch andere Autoren, die berühmt dafür sind, dass sie nicht gern auf Lesereise gehen. Oft wartet man Jahre darauf, dass sie kommen. Oft vergebens. Elfriede Jelinek etwa ist dann aber irgendwann gekommen. (Sie macht eine kurze Pause) Ja, ja, Botho Strauß, ich glaube nicht, dass es mir gelingen wird, ihn zu holen. Leider! Philip Roth hätten wir natürlich auch gern. In anderen Ländern gehen die Schriftsteller eher auf Pressereisen, diese ganze Lesungsgeschichte ist eine deutsche Eigenheit. Oh, und Onetti, natürlich, ja. Das wäre toll gewesen.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Interview: Lars Claßen

 



Maria Gazzetti
leitet seit 1996 das Literaturhaus in Frankfurt. Zuvor schrieb sie für diverse Zeitungen, arbeitete als Dozentin und war verantwortlich für die „Europäischen Literaturdialoge“ der Stiftung Niedersachsen.