In einer einstündigen Veranstaltung am Messedonnerstag wurden vor der eigentlichen Preisverleihung am Nachmittag die Nominierten aller Kategorien vorgestellt. Meike Feßmann und Alexander Cammann, beide auch Jurymitglieder des Preises, führten durch die Veranstaltung und versuchten einen breit gefächerten Blick auf die Nominierten zu geben und diese interessant vorzustellen. Nominiert in der Kategorie Sachbuch/ Essayistik sind folgende Autoren:

 

Leonhard Horowski mit „Das Europa der Könige. Macht und Spiel an den Höfen des 17. und 18. Jahrhunderts“ (Rowohlt)

In diesem über tausend Seiten starken Werk zeichnet der Historiker Horowski ein detailliertes Portrait des Adels in Europa in der frühen Neuzeit mit all seinen Irrungen, Wirrungen und Verwirrungen. Für ihn persönlich ging schon lange eine Faszination von der Welt des Adels aus, es ist für ihn gänzlich ein Universum, mit dem kein fiktionales Universum mithalten kann. Laut Alexander Cammann schreibt Horowski in einem Ton, der die frühe Neuzeit wieder sehr nahe an unsere Gegenwart rückt. Die frühe Neuzeit findet der studierte Historiker Horowski gerade deshalb so faszinierend, weil es eine gewisse Spannung zwischen den Themen unserer Zeit gibt und den damaligen, die wir meist im Ansatz erkennen, aber uns gleichermaßen fremd sind.

Viel Augenmerk richtet der Autor auch auf die Kategorie des Zufalls. Wir als heutige Leser haben oftmals die „klügere Sicht des Nachgeborenen“ auf sämtliche historische Themen und neigen dazu dieser Perspektive ein Urteil darüber zu fällen. Aber gerade eine der großen Stärken des Buches ist es, dass der Autor diverse Optionen aufzeigt, die den damaligen Handlungsspielraum ausmachten. Was die Gegenwart ebenfalls wieder relativiere, so Feßmann.

 

Klaus Reichert mit „Wolkendienst. Figuren des Flüchtigen.“ (S. Fischer)

Der erste Blick nach dem Krieg in den freien Himmel war die Inspiration für dieses Werk: Keine Bomber mehr am Himmel, nur noch Wolken. Seitdem trägt Klaus Reichert ein besonderes Interesse für Wolkenforschung in sich. Er begann Wolkentagebücher an Orten, die er besuchte oder durchreiste, zu führen. In diesen versucht er die Form oder Farbe der Wolken zu beschreiben. Über all dem steht die Frage, wie man etwas fixieren kann, das im nächsten Moment wieder verschwindet?

Das Buch beschäftigt sich mit dem Aufkommen der Wolken in diversen Bereichen, wie zum Beispiel der Wolkenmalerei oder der Musik.

Der essentielle Reiz der Wolkenbetrachtung ist ein sehr persönlicher. Denn man sieht eine gewisse Form oder Farbe und interpretiert etwas sehr Individuelles hinein. Darüber hinaus lösen Wolkenbilder etwas Kontemplatives aus, man muss sich langsam annähern, man erkennt nicht sofort einen Sinn und dennoch entdeckt man bei jeder Betrachtung etwas Neues, sowohl in dem Wolkenbild selbst, als auch in sich selbst. Und bekanntlich sei ja das Flüchtige das Beständigste.

 

Jörg Später mit „Siegfried Kracauer. Eine Biografie“ (Suhrkamp)

Der ausschlaggebende Aspekt für dieses Buch war eigentlich ein ganz profaner, wie Später selbst erzählt. Er habe schon immer Interesse an der Kritik der Frankfurter Schule gehabt. Kracauer ist zwar nicht selbst Teil dieser gewesen, lief aber durch Freundschaften, unter anderem mit Adorno immer nebenbei mit. Und letztlich weckte ein gemeinsam gehaltenes Seminar mit einer Kollegin das Forschungsinteresse für Kracauer.

Siegfried Kracauer war ein vielgestaltiger Theoretiker, der sich in fast allen Sparten des Kulturbetriebes bemerkbar machte, sei es als Feuilletonist, Soziologe, Filmtheoretiker oder Geschichtsphilosoph. Es war durchaus schwierig all diese Aspekte einer Person darzustellen, aber besonders einnehmend fand Später die Position Kracauers zu seiner Zeit, die er selbst als „Figur des Forest Gump, der durch die Geschichte stolpert und als stiller Beobachter da ist“, beschreibt.

 

Barbara Stollberg-Rilinger mit „Maria Theresia. Die Kaiserin ihrer Zeit“ (C.H. Beck)

Dieses umfassende Werk der Historikerin und Professorin zeichnet ein detailliertes Bild des Lebens und Wirkens Maria Theresias und ist gleichzeitig auch Spiegel einer ganzen Epoche. Die große Stärke dieses Buches ist die analytische Vorgehensweise der Autorin, aber gleichzeitig auch ihre Fähigkeit absolut fesselnd zu erzählen, so Meike Feßmann. Die Autorin berichtet vom Werdegang der Kaiserin, aber prüft gleichzeitig auch Gerüchte und Vorstellungen der Zeit auf ihre wissenschaftliche Haltbarkeit und legt viel Wert auf die Erklärung ritueller Gebräuche des 18. Jahrhunderts, wie beispielsweise das Entkleiden der Braut in der Hochzeitsnacht durch die Eltern.

Herausstechend ist auch, dass obwohl das Thema des Buches eine Frau ist, deren Geschlecht und Körper nicht im Zentrum des Buches stehen. Stollberg-Rilinger trennt scharf zwischen politischem und soziologischem Geschlecht. Im 18. Jahrhundert war eine solche Trennung nicht ungewöhnlich, Maria Theresia nahm selbstverständlich den Titel „rex“ an und ließ sich zum König von Ungarn krönen. In einer dynastischen Gesellschaft ist es ferner nicht ungewöhnlich, dass Mütter für minderjährige Herrscher beispielsweise als Berater tätig sind oder Amtshandlungen ausführen. Erst später, im 19.Jahrhundert, im bürgerlichen Zeitalter, wird das zur Problematik.

 

Volker Weiß mit „Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes“ (Klett-Kotta)

Der Historiker schreibt hier eine Geschichte des Rechten Denkens. Hierbei sind ihm die Ideologie  und die Menschen dahinter wichtig, was, laut Alexander Cammann, eine der Besonderheiten dieses Buches ausmacht. Weiß dekonstruiert die Neue Rechte und ihre Argumente wissenschaftlich. Er geht auf die typischerweise dem rechten Gedankengut zugeordneten Kategorien wie beispielsweise Ordnung, ein und relativiert sie hinsichtlich dem Bild des chaotischen rechten Mobs, der Veranstaltungen stört. Seine Antwort hierzu, Ordnung sei eine fehlleitende Kategorie, zielführender ist die der Ungleichheit.

In seinem Buch spricht er viele weitere Aspekte der rechten Strömungen unserer Gesellschaft an und entlarvt schonungslos alle falschen Vorstellungen dieser Szene.

 

Den mit insgesamt 60.000 Euro dotierten Preis der Leipziger Buchmesse hat für den Bereich Sachbuch/ Essayistik Barbara Stollberg-Rilinger gewonnen.

 

 

Katharina Muschiol