Die Geschichte als Fundament der Zivilisation

Dr. Jonathan Gottschall (© Mela Eckenfels)

Dr. Jonathan Gottschall
(© Mela Eckenfels)

Mit der Behauptung die menschliche Aufmerksamkeit sei von Natur aus sprunghaft und könne nur mit Tricks eingefangen werden, setzt Dr. Jonathan Gottschall einen Kontrapunkt zu aktuellen Büchern wie Spitzers “Digitale Demenz”, die kurze Aufmerksamkeitsspannen den neuen Medien anlasten. Seine Keynote am ersten Tag der StoryDrive-Konferenz führte die Teilnehmer in die Bedeutung von Geschichten und Storytelling für Kultur, Ausbildung und die Entwicklung der Gesellschaft ein.

“The human mind is a wanderer by nature. Story is the best way to calm a flipping mind”, waren die Worte des Autors und Dozenten. Daher sei das Erzählen von Geschichten schon immer der beste Weg um Wissen zu vermitteln und die emotionale Identifikation der Zuhörer mit den Figuren der einzige Weg ihre Aufmerksamkeit über einen längeren Zeitraum zu bannen und einen Bezug zum vermittelten Inhalt herzustellen.

Gleich zu Beginn erteilte er der Vorstellung eine Absage, in unserer rationalen Gesellschaft würden Geschichten nur noch ihren Raum in der Kindheit und der Freizeit finden. Bei jedem Gespräch mit den Kollegen in der Teeküche, dem Nachbarn und der eigenen Familie tausche man nicht nur in wenigen Worten trockene Fakten aus, sondern würde dem Zuhörer auch die eigenen Empfindungen vermitteln. Selbst kleine alltägliche Erlebnisse nähmen somit die Form von Geschichten an. Auch die meisten Werbespots seien faktisch Kurzgeschichten. “We never leave Neverland. We just changed how we do it.” Auch unsere Träume seien nur die Fortsetzung des Tages: “Our brain stays awake all night and tells us stories”.

Seiner Ansicht nach bilden Geschichten das Fundament jeder Kultur und Gesellschaft, da sie die Menschen zusammenbringen. Dies bedeute auch eine ungeheure Macht für den Geschichtenerzähler, da über Geschichten vermittelte Ansichten und Werte nachhaltiger wirken als moralische Appelle. Als Beispiel berichtete er von dem sogenannten “Will & Grace”-Effekt. Die sympathischen Charaktere der gleichnamigen Serie hätten maßgeblich dazu beigetragen, dass sich über das letzte Jahrzehnt hinweg das Bild von Homosexualität in der Gesellschaft deutlich zum Positiven gewandelt habe.

Gerade wegen dieser Kraft der Geschichte, müssten wir uns aber auch gegen die Auswirkungen wappnen, denn nicht jeder Erzähler erzähle sie in unserem besten Interesse, sondern in seinem. “We have to steel us, to see the tale coming.”

Die Botschaft, die die Zuhörer aus dem Vortrag Dr. Gottschalls mitnehmen konnten lautet: Geschichten machen uns nicht nur glücklich, sie sind der Kitt einer Gesellschaft. Außerdem behalten wir mit ihrer Hilfe Gelerntes besser und verstehen schwierige Informationen leichter. Sein Buch “The Storytelling Animal: How Stories Make Us Human” ist damit ein ideales Geschenk unter dem Weihnachsbaum. Nicht nur dem eines Lehrers.

Mela Eckenfels