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Deutschsprachige Literatur mit französischem Feinschliff

„Als kleines Mädchen der fünfziger Jahre weißt du von deiner Minderwertigkeit und möchtest lieber ein Junge sein.“ Mit starken Worten beginnt Sylvie Schenks erfrischend sanfter Roman „SCHNELL, DEIN LEBEN“, aus dem sie beim Bachmannpreis las. Als in diesem Jahr älteste Teilnehmerin französischer Herkunft verzauberte sie mit einem gefühlvollen Text, der viele autobiografische Elemente enthält.
Trotz Du-Perspektive liegt eine Differenziertheit im Blick der Erzählerin, die nichts von einem urteilenden Zeigefinger durchschimmern lässt. Ihr Vortrag berührte durch seine Ruhe, sodass manch einer eine Träne beiseite blinzelte. 
Die Kritik der Jury  dagegen war durchwachsen: Der Text lese sich nicht originell genug, eher wie Teile aus einem Geschichtsbuch, und die französisch anmutenden Sprachbilder wurden als preziös abgestempelt. Im Anschluss sprachen viele Zuhörer Sylvie Schenk ihre Begeisterung aus. Einer Frau drückte sie daraufhin einen spontanen Bisou auf die Wange, dennoch blieb sie geknickt.

Im ihrem Videoporträt verrät sie, das Gefühl von tiefer Verwurzelung in einer Sprache sei ihr fremd. Das trifft das Thema des diesjährigen Bachmannpreises erneut auf den Punkt, weshalb ich nachhakte.

 

Was bedeutet die deutsche Sprache für Sie und Ihre Texte?  
Zuerst habe ich mich entschieden, auf Deutsch zu schreiben, um dazu zu gehören. Ich lebte schon lange in Deutschland, sprach aber mit meinem Mann nur Französisch. Es ist dann sehr schwierig, sich zu integrieren und die Umwelt zu verstehen. Das habe ich mit Literatur gemacht. Mein erstes Buch war Falladas „Kleiner Mann, was nun?“ mit Wörterbuch. Das ist ein tolles Buch.

Vor mehr als 20 Jahren erschien dann mein erster Roman auf Deutsch – ich war schon 50. Es ist eine wunderbare Sprache. Ich liebe sie sehr. Man kann damit sehr viel spielen.

CC BY-NC-SA 4.0 Lisa-Marie George

CC BY-NC-SA 4.0 Lisa-Marie George

 

Aber Sie bringen noch einen französischen Touch mit rein, wie die Jury auch bemerkt hat.
Ja, die Juroren haben das negativ angeführt.

 

Hat sich Ihre Sicht auf den Bachmannpreis nun verändert?
Ich dachte, ich wäre cooler und gleichgültiger dem Ganzen gegenüber und musste feststellen, dass ich im Grunde genommen genauso sensibel bin wie jeder. Aber es ist total interessant, ein tolles Abenteuer.

 

Sarah J. Langner (Universität Duisburg-Essen, Germanistik)