Alles Wissenswerte zum größten Buchpreis Deutschlands

Trotz viele Preise auf der Frankfurter Buchmesse ragt der Deutsche Buchpreis heraus. So auch 2015. Bei dem Träger des Deutschen Buchpreis handelt es sich um Frank Witzel, dessen ausgezeichnetes Buch ‚Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969‘ „spekulativen Realismus“ beinhaltet, wie es in der Begründung der Jury heißt.

Frank Witzel © Tobias Mohr

Frank Witzel
© Tobias Mohr

Wer sich schon mal den Veranstaltungskalender der Frankfurter Buchmesse angesehen hat, dem fällt bei genauerem Blick auf, dass es mittlerweile eine ganze Menge an Preisverleihungen gibt. Um nur ein paar Preise zu nennen: Deutscher Buchhandlungspreis, Deutscher Cartoonpreis, Deutscher Fotobuchpreis, Förderpreis für junge Buchgestaltung, Deutscher Jugendliteraturpreis und Young Excellence Award. Doch der Deutsche Buchpreis, den es seit 2005 gibt, gilt als der wichtigste deutsche Preis der hiesigen Buchbranche. Aus diesem Grund widmen sich auf der Buchmesse die meisten Veranstaltungen diesem und keinem anderen Preis, und dementsprechend fällt ihm auch medial die meiste Aufmerksamkeit zu.

Der Deutsche Buchpreis 2015 wurde vergangenen Montag an den Offenbacher Frank Witzel (geb. 1955 in Wiesbaden) für seinen Roman ‚Die Erfindung der Roten Armee Fraktion durch einen manisch-depressiven Teenager im Sommer 1969‘ (erschienen im Verlag Matthes & Seitz Berlin) verliehen. Obgleich der lange Titel bereits eine ziemlich genaue Auskunft über den Inhalt des Buches gibt, soll anhand der Aussagen des Autoren (bei der Veranstaltung ‚Der Buchpreisträger 2015 im Gespräch mit Christoph Bungartz‘ vom 14. Oktober auf der ‚ARD Bühne des ARD Forums) eine kleine Zusammenfassung neugierig auf den Roman machen:

Der junge Romanheld aus Wiesbaden-Biebrich beschäftigt sich im Sommer 1969 mit der Katholischen Religion und dem Terrorismus. Bei diesen zwei Polen gibt es eine Hauptschwierigkeit. Denn die Religion wird in seinen Gedanken als Interpretationswerkzeug verstanden. Es ist die Rede von Märtyrertod, Leidensweg und Menschenopfer. Und die Bilder der RAF scheinen auf dem ersten Blick dieser christlichen Symbolik zu ähneln – was im weiteren Verlauf viele Fragen aufwirft. Da-bei sei das Thema, also die Synthese von Religion und Terrorismus, bekanntlich aktueller denn je, wie der Autor bei dem Gespräch zu Bedenken gibt.

Der geschichtliche Hintergrund

Wenn Witzel von seinem Buch spricht, kürzt er es häufig mit ‚Die Erfindung‘ ab, was es größtenteils inhaltlich auch sei. Aber die RAF ist real gewesen, und gleichzeitig verweist die Handlung auch auf die kleine vorhandene Schnittmenge zwischen Pop und Terrorismus. Im Jahr 2002 sprach man in diesem Zusammenhang sogar vom Pop-Phänomen der ‚Prada-Meinhof-Bande‘ (http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-21543172.html).

Da passt es gut ins Gesamtbild, dass auf dem Buchcover ein Pilzkopf abgebildet ist. Zumal ab 1970 RAF-Banküberfall mit Beatles-Perücken stattfanden.
Zur weiteren geschichtlichen Einordnung: Die Handlung spielt lange vor dem sogenannten Deutschen Herbst 1977, der durch die Anschläge der RAF geprägt war. Die Kaufhausbrandanschläge in Frankfurt sind bereits ausgeführt worden, doch die Gründung der Baader-Meinhof-Gruppe steht noch unmittelbar bevor.

„Ein im besten Sinne maßloses Romankonstrukt“

Innerhalb der 98 Kapitel wendet Witzle einen schriftstellerischen Kunstgriff an. Es gibt einen ständigen Stilwechsel. Daher wechseln sich unter anderem Monolog, Psalm, Action-Szene und Rückblicke in Form eines Gesprächprotokolls ab. Zwar wird im Roman größtenteils aus der Ich-Perspektive berichtet, doch handele es sich keineswegs um eine subjektive Geschichte vom Heran-wachsen eines Jugendlichen. Der Mittelpunkt des Geschehens ist der Sommer 1969. Die multiperspektivische Erzählweise sei dabei gewollt, um dem Leser den Eindruck zu geben, er betrachte die Ereignisse aus 20 verschiedenen Kameras. Auf gewisse Weise handele es sich bei dem Roman auch um eine Komposition, bestätigte der Autor, der auch gleichzeitig Illustrator und Musiker ist, eine geäußerte Vermutung des Moderatoren. Die Jury war sich jedenfalls einig, dass dieses Romankonstrukt „in seiner Mischung aus Wahn und Witz, formalem Wagemut und zeitgeschichtlicher Panoramatik einzigartig in der deutschsprachigen Literatur“ sei.

Hinweis:
Es gibt noch eine Möglichkeit, Frank Witzel auf der Buchmesse zu erleben. Direkt heute, Freitag, zwischen 15 und 16 Uhr am Stand der MVB, 3.1 H85.

Fakten zum Deutschen Buchpreis:
– Der Gewinner erhält ein Preisgeld von 25.000 €.
– Die fünf weiteren Finalisten (Shortlist) erhalten jeweils 2.500 €
– Auf der Longlist befinden sich 30 Titel
– Erstmalig schrieben „offiziell“ sieben Literaturblogger über den Deutschen Buchpreis. Sie stellten zunächst die Bücher der Longlist vor, rezensierten diese und debattierten anschließend darüber. Dies wiederholten sie detaillierter bei der Shortlist.
– Zu finden unter dem Hashtag #dbp15 und www.facebook.com/DeutscherBuchpreis

* Die wörtlichen Zitate stammten alle aus der Begründung der Jury.

Weiterführende Links:
http://www.deutscher-buchpreis.de/nominiert
http://www.deutscher-buchpreis.de/news/eintrag/frank-witzel-erhaelt-den-deutschen-buchpreis-2015
http://hessenschau.de/kultur/buchmesse-frank-witzel-erhaelt-deutschen-buchpreis,buchpreis-sieger-110.html
http://www.matthes-seitz-berlin.de/fs/Rieke/msb_witzel_gespraech.pdf

von Tobias Mohr