Den Sound der Stadt einfangen

Stefan Mayr und Nico Schröder haben Anfang 2009 den Verlag asphalt & anders in Hamburg gegründet. Die Idee war, einen Verlag für raue und urbane Literatur ins Leben zu rufen. Jungverleger Stefan Mayr berichtet, wie es ist, einen Verlag zu gründen, welches Konzept hinter asphalt & anders steht und wie es ist, sein erstes selbstgemachtes Buch in den Händen zu halten.

 

Stefan Mayr (© Melanie Goetz)Stefan, Du hast vor Kurzem mit Deinem Freund Nico Schröder den in Hamburg ansässigen Verlag asphalt & anders gegründet. Wie kam es zu dieser Idee?
Es war schon immer ein Traum von uns, selber zu verlegen, die großen Verleger dabei immer als Vorbilder im Kopf. Bei Ellert & Richter in Hamburg habe ich Nico kennengelernt, der dort auch ein Volontariat begann. Gemeinsam haben wir dann diese Idee des Verlags entwickelt und beide daran mehr und mehr Gefallen gefunden, sodass wir schließlich einfach mit den Planungen losgelegt haben.

Woher nehmt Ihr denn die finanziellen Aufwendungen, die eine Verlagsgründung mit sich bringen?
Ach, da kommt am Anfang gar nicht so viel zusammen.

Nico Schröder (© Moira Berger)Was für Kosten entstehen denn konkret, wenn man einen Verlag auf die Beine stellen will?
Also zu erst einmal die Liste an ISBNs, die ist nicht sehr preiswert, was wir gar nicht vermutet hätten. Der Titelschutz für das erste Buch kostete auch. Zudem haben wir Geld ausgegeben für die Entwicklung eines Logos. Unser erstes Cover und den Satz für unser erstes Buch haben Freundinnen komplett umsonst gemacht. Aber dann kommen ja noch die ganzen Rechts- und AGB-Sachen hinzu. Aber es ist schön zu sehen, dass man sich über die Jahre so ein Netzwerk aufgebaut hat, auf das man dann zurückgreifen kann. Die Homepage hat uns natürlich auch ein bisschen was gekostet. Wir haben aber keine Büroräume, sodass von dieser Seite keine Kosten entstehen. Jeder von uns hat einen Laptop und als Verlagsadresse fungiert Nicos Wohnung, er hat dort ein Fax stehen, das funktioniert ganz gut. Es läuft auch viel über unser Netzwerk.

Seid Ihr denn eine GbR?
Ja, genau, wir haben uns als Rechtsform für die Gesellschaft bürgerlichen Rechts entschieden. Das heißt, wir mussten ein Gewerbe anmelden, was wiederum einen kleinen Obolus gekostet hat. Die GbR ist eine feine Sache, weil sie ohne großen Aufwand und vor allem ohne großes Kapital gegründet ist.

Warst Du in all diesen Angelegenheiten schon firm oder musstest Du Dich da komplett neu einarbeiten?
Nico hatte durch seine frühere Buchhändlertätigkeit, er hat eine Lehre als Buchhändler absolviert, bereits einige Vorkenntnisse in diesem Bereich, wusste also beispielsweise wie man einen Businessplan aufstellt. Und den Rest haben wir uns zu zweit angelernt, alles läuft halt Schritt für Schritt. Aber das funktioniert bei uns auch sehr gut, und es macht einen riesen Spaß, dass man jeden Schritt in Zusammenarbeit macht und kein Einzelkämpfer ist.
Am Anfang, also letzten Sommer, haben wir gesagt, dass wir sozusagen ein „Feierabendverlag“ sind und dann erst mit der Zeit und je nachdem wie es halt läuft, uns neu festlegen und definieren, unsere Ziele immer neu stecken. Dann hat sich aber ein Weitermachen jetzt im Laufe der Zeit stillschweigend ergeben, der nächste Titel ist schon in Planung …

Euer erstes Buch ist jetzt im Mai erschienen und der nächste Titel ist also auch bereits in Planung?E
Ja, wir werden den Roman „Der Schlaf und das Flüstern“ von Stefan Petermann veröffentlichen. Er hat zuletzt den Publikumspreis beim MDR-Literaturpreis gewonnen und erzählt in seinem Debütroman von Pola und Janek und der Hasenheide, eine sehr vielseitige Geschichte, die sanfte und liebevolle Momente, aber auch tragische und raue Momente bereithält.

Magst Du ein wenig zu Eurer ersten Veröffentlichung erzählen?
Unser erstes Buch, das ja  im Mai erschienen ist und bald bereits in die 2. Auflage geht, ist eine Anthologie zum Thema „Stadt“ mit dem Titel „Schau gen Horizont und lausche“. 23 Autorinnen und Autoren, darunter bekannte Namen wie Ulrike Draesner und Martin Beyer, aber auch einige Debütanten, entwickeln ganz unterschiedliche Perspektiven auf die Stadt des 21. Jahrhunderts, auf die westlichen Großstädte wie New York und Berlin, auf die Big Cities in Asien (Dhaka, Calcutta, Shanghai), auf Kleinode wie Bern und Pristina und nicht zuletzt auf Kleinststädte wie Ravensburg in Oberschwaben. Einige Beiträge erzählen auch vom Leben in der Stadt allgemein, von Gefühlen, die eng mit der Stadt verbunden sind, und natürlich auch vom Verlassen einer Stadt.

Das klingt aber spannend und ambitioniert. Und als ersten Titel eine Anthologie herauszubringen halte ich auch für eine sehr gute Idee. Der Erfolg eines solchen Bandes ist aber natürlich immer stark von seinem Thema abhängig. Wie kam es zu einer thematischen Ausrichtung der Stadt, also als Oberthema Eures Verlags?
„Die Stadt“ war schon während unseres Studiums immer ein Thema bei uns beiden. Und das meiste an junger deutscher Literatur ist einfach in urbanem Raum angesiedelt. Das Leben in der Stadt ist da einfach das zentrale Thema. Und dann haben wir natürlich auch überlegt, welche Sparte wir mit unserem Verlag besetzen wollen.

Wie lang hat der Prozess des thematischen Übereinkommens gedauert?
Ah, das ging schnell. Das war eigentlich beim ersten Gespräch klar. Das Raue, Urbane, Junge und Fremdartige zu thematisieren, hat uns sehr gereizt.

Und wie kamt Ihr auf Euren Verlagsnamen asphalt & anders?
Das war witzig. Wir saßen nach Feierabend bei ’nem Bier in einer Kneipe in Hamburg zusammen. Haben das erste Bier getrunken und dann eben so ’ne Assoziationskette entworfen. Was also alles mit der Stadt zu tun hat, sind aber nicht auf etwas Gescheites gestoßen, es hat einfach nicht funktioniert. Und dann haben wir die Bedienung gefragt und sie meinte sofort: „Irgendwas mit Asphalt“. Und wir haben das bei uns nachklingen lassen, über Monate hinweg. Und vor allem unsere Freundinnen waren gar nicht so einverstanden anfangs mit dem Titel, aber er hat sich dann durchgesetzt. Wir sind beide sehr glücklich damit und finden ihn inzwischen richtig klasse.

Und das Design Eurer Website und Euer Logo? Habt ihr das selbst entwickelt?
In unsere Website hat Nico ziemlich viel Arbeit reingesteckt. Wir haben verschiedene Farben ausprobiert und vieles hat sich dann einfach so entwickelt. Für das Logo konnten wir einen befreundeten Grafiker gewinnen. Mit ihm zusammen haben wir uns der endgültigen Form langsam angenähert. Das hat schon ein paar Wochen gedauert.

Wie kann man sich eigentlich die Aufgabenteilung bei Euch vorstellen? Oder ist jeder für alles zuständig?
Nein, nein, das gäbe ein heilloses Durcheinander. Nico, der ja auch eine Buchhändlerlehre absolviert hat und lange in einer Buchhandlung gearbeitet hat, ist folgerichtig für den Vertrieb zuständig und ich für die Presse. Programmplanung und Lektorat betreuen wir beide. Das Schöne ist, dass wir im Grunde genommen jede wichtige Entscheidung miteinander absprechen, und dass das auch sehr gut funktioniert.

Lass uns nochmal kurz auf Eure Anthologie zurückkommen, die jetzt bald erscheinen wird. Wie habt ihr die ersten Autoren dafür an Land gezogen?
Zwei, drei Autoren kenn‘ ich noch aus der Poetry-Slam-Szene, ein guter Kumpel, Toby Heyel, ist da ziemlich involviert. Aus diesem Umfeld haben wir ein paar Texte bezogen. Aber wir haben auch bekannte Autoren angeschrieben und das Höchste war natürlich als wir dann wirklich Texte von Selim Özdagan und Ulrike Draesner zugeschickt bekamen. Das war schon super, zu sehen, dass es funktioniert und man auch an solch bekannte Autoren herankommen kann. Am Ende hatten wir in der Tat 90 Texte und somit die Qual der Wahl.

Und wie seid Ihr dann bei der Auswahl vorgegangen?
Um nicht in vollkommene Subjektivität zu verfallen, haben wir unsere Freundinnen als Leser und Berater hinzugezogen, sodass wir wirklich zu viert an der Auswahl der Texte beteiligt waren. Dann kam es auch durchaus schon mal vor, dass mir ein Text wahnsinnig gut gefallen hat, er aber nicht in die Anthologie hineingenommen wurde, weil die Mehrheit ihn nicht überzeugend fand. Zudem haben wir auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet, sodass beinahe die Hälfte der insgesamt 23 Autoren weiblich ist.

Gibt es noch andere Bereiche, die Ihr mit Eurem Verlag ansteuern möchtet bzw. als Verleger?
Ja, definitiv. So ist uns beiden zum Beispiel der didaktische Aspekt sehr wichtig. Wir würden sehr gern, das, was wir gelernt haben, weitergeben und zum Beispiel Fragestellungen zum Verlegerdasein etc an Universitäten und in Workshops abhandeln.

Wie sieht die Zukunft bei Asphalt & Anders aus?
Das nächste Buch ist für September geplant und natürlich liebäugeln wir auch irgendwann mit einem Stand auf einer der Buchmessen. Das Schöne ist einfach, dass wir nun sozusagen die Basis, den Grundstein gelegt haben und uns nun ganz auf unsere inhaltliche Ausrichtung und die Programmgestaltung konzentrieren können.

Viel Erfolg für die Zukunft und vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Christine Mikliss

 



Stefan Mayr

Geboren 1978, Studium der Germanistik und Geschichte in Konstanz. Anschließend Volontariat beim Ellert & Richter Verlag in Hamburg. Zurzeit Lektor beim Fackelträger Verlag in Köln. Ist bei asphalt & anders zuständig für Lektorat und Presse.

Nico Schröder
1977 geboren. Zunächst Ausbildung zum Buchhändler, anschließend Studium der Soziologie, Politischen Wissenschaften, Psychologie und Informatik an der Universität Hamburg. Volontariat beim Ellert & Richter Verlag in Hamburg. Arbeitet als freier Lektor und ist bei asphalt & anders für Lektorat und Vertrieb zuständig.