Das Schöne am Laiendasein – Wolfgang Hörner über seinen neuen Verlag Galiani Berlin

Der Galiani Verlag (© Stephan Wirges)

Herr Hörner, 18 Jahre lang waren Sie bei Eichborn. Angefangen haben Sie 1991 als Praktikant, später leiteten Sie die Presseabteilung, bevor Sie 1998 für den Verlag nach Berlin gingen. Jetzt präsentieren Sie das erste Programm Ihres neuen Verlages. Kann man so schnell umschalten? 
Es ist ja nicht alles ganz anders. Man ist nach wie vor Überzeugungstäter, und es gibt  eine ähnliche Programmstruktur. Fast alle der Autoren, mit denen Esther Kormann und ich gearbeitet haben, gehen mit, etwa Karen Duve, Jenny Erpenbeck, Jan Costin Wagner, Frank Schulz oder Martin Urban. So ist es nicht ganz so schwer – bis auf das Zeitmanagement natürlich.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie 1998 richtig in Berlin ankamen? Ich könnte mir vorstellen, dass die ersten Wochen noch etwas chaotisch waren…
Oh ja (lacht). Wie immer gab es zunächst technische Probleme. Außerdem kannte ich mich in Berlin ja kein Stück aus. Kollegen aus Frankfurt und anderer Verlage vor Ort gaben mir hier und da einen Tipp und brachten mich so etwas ins Spiel. „Den und den musst du unbedingt kennenlernen“, hieß es dann immer. Und Autoren wiederum kannte ich selbst schon viele. Die Struktur wuchs fortschreitend, nach einem halben Jahr kam die erste Praktikantin zur Unterstützung, die zweite war Esther. Wichtig war aber vor allem, dass es damals noch keinen Platzhirsch gab, der die Muskeln hätte spielen lassen können. Ich war zu der Zeit Juror beim open mike und vor allem beinahe jeden Abend unterwegs, das half natürlich sehr.

Wolfgang Hörner und Esther Kormann (© Stephan Wirges)

In einer Tageszeitung war zu lesen, der Galiani Verlag sei eine elegante Lösung für die Hauptstadtfrage des Verlags Kiepenheuer & Witsch.  Inwieweit müssen Sie sich mit Köln absprechen?
Es ist unser ausdrücklicher Wunsch, uns stark mit Kiwi abzusprechen. Wir wollen kein Satellit sein, sondern verstehen uns als Teil des Verlags. Wir erhalten sehr anregende Ratschläge, sind aber programmatisch und unseren Auftritt betreffend unabhängig.

Esther Kormann und Ihnen wird attestiert, ein feines Gespür für virulente Themen zu besitzen und für die Autoren, die diese in die richtigen Worte packen. Wie trainieren Sie diese Fähigkeit?
Tja, keine Ahnung (lacht). Früher hat mich die deutsche Gegenwartsliteratur überhaupt nicht interessiert. Ich war ein radikaler Klassikerleser. Und nicht nur deshalb gibt es bis heute immer auch Klassiker im Programm: man bekommt so einfach immer wieder vor Augen geführt, wo die Messlatte hängt und ist weniger schnell zufrieden. Dann hat das alles auch ein wenig mit Glück zu tun, und wer weiß schon, wie lange das anhält. Ich hatte damals von Anfang an weitgehend freie Hand und Kollegen, die mich unterstützten, das war toll. Vielleicht das wichtigste aber: Ich bin auch weiterhin genügend Laie, um mich für das zu interessieren, was auch andere gerne lesen wollen. Ich mag zunächst einmal alles, was mich überrascht, und dann hoffe ich eben, dass es den Lesern draußen genauso geht.

In Ihren Programmen haben Sie immer wieder aufs Neue Grenzen der unterschiedlichen Genres aufgebrochen. Sind Sie der Meinung, dass eine offenere Herangehensweise an die Literatur angebracht wäre?
Ja. Viele Texte, die eigentlich literarisch sind, gelten seltsamer Weise als Sachbuchtexte, der wunderbare Fredrik Sjöberg etwa, um nur ein Beispiel zu nennen. Und inzwischen hat man erkannt, dass sich Unterhaltsames und große literarische Qualität nicht gegenseitig ausschließen. 1998 etwa wäre Karen Duve nicht auf der Kritikerliste des SWR gelandet, mit Taxi stand sie im vergangenen Jahr ganz oben.

Herr Hörner, vielen Dank für das Gespräch.

Interview: Lars Claßen

 


Wolfgang Hörner ist Verleger des Ende 2008 neu gegründeten Galiani Verlags in Berlin. Zuvor arbeitete er 18 Jahre bei Eichborn, zuletzt als Leiter von Eichborn Berlin.