Das Märchen vom Experimentellen

Sabine Hassinger

Sabine Hassinger

Sabine Hassinger aus Berlin, Musiktherapeutin und Autorin sprachexperimenteller Texte, las am Donnerstag in der „Bachmannarena“ ihren Text „Die Taten und Laute des Tages“. Nach beträchtlichem Zögern begann die Jury schließlich eine rege und die Sendezeit sprengende Diskussion über die Zeitgemäßheit und den Umgang mit derlei Literatur.

Eine Theatertexten ähnliche Besetzungsliste ihrer Figuren ist Hassingers Auszug vorangestellt. Mit dem Hinweis „Ein Irrtum istgleich die Sucht, verstehen zu müssen“ macht man sich als Leser auf den Weg in einen Dschungel der Wörter: „Berta“ und „Ich“ sind jeweils die erste Person, immer wieder wird Zeitlichkeit reflektiert und dann ist da dieses „Hochwassergefühl“. Der freie Umgang mit Syntax, Wortfeldern und Assoziationen gestaltet den Text wohl ebenso sperrig wie poetisch – um nicht zu sagen sinnlich, wenn assoziativ aber detailliert Klänge, Farben und Gerüche ihren Ausdruck finden.

Für Jurymitglied Hubert Winkels gestaltete sich der Text zu verwirrend, die Vielzahl der Personalpronomen und eine unnötige Verrätselung in der Sprache machten einen Zugang zum Text sehr sperrig. Meike Feßmann positionierte sich ähnlich: Der Text gleiche einer experimentellen Schaumschlägerei und die aufwendige Form bringe für den schlichten Inhalt keinen Mehrwert. Paul Jandl, Burkhard Spinnen und Corina Carduff wollten sich zwar ebenfalls nicht gänzlich überzeugen lassen – die Wichtigkeit experimentell-avantgardistischer Texte im Wettbewerb und eine Diskussion über den Umgang mit ihnen erschienen jedoch allen als sehr wichtig. Daniela Strigl macht auf den stereoklang, die Gleichwertigkeit im scheinbar gleichzeitigen Nebeneinander der beschriebenen Situationen und Gegenstände aufmerksam (- und ist es nicht das, was Sprachflächen letztlich ausmacht und ist Sabine Hassingers Text nicht letztlich eine poetisch-klangvolle Sprachfläche?!). Zudem macht Strigl auf die respektvolle, weil nicht wertende – eben gleichberechtigte – Darstellung aller Figuren aufmerksam. Von der desintegrierten Verwunschenen, die bereits im Personenregister die Dame „ist“ über die kranke Mutter und letztlich das Ich selbst, das in ein doch interessantes Spannungsverhältnis zu sich selbst, der eigenen Außensicht in Form der „Berta“ gerät. Und ganz gleich wie destruktiv der Inhalt, letztlich auch der Tod des Vaters sich darstellen – die Sprache in ihrer Artifizialität legt eine angenehme, auch leicht verfremdende Ebene über alles: „Ein Text von Glück und Würde, meint Strigl.

Ja, mühsam zu lesen ist der Text bestimmt und Muße benötigt er wahrscheinlich auch – wohingegen man Lyrik als Gattung diesen Vorwurf ja auch nicht zu machen scheint und Muße letztlich der Lektüre eines jeden Textes gut tut. Auch eigene Lesegewohnheiten werden bei der Rezeption eine Rolle spielen und sollten doch keinen Vorwurf an den Text an sich sein. In der hitzigen Diskussion räumt Strigl ein, dass solche Texte natürlich Ressentiments auslösen könnten, ebenso könne man sich von ihnen aber in der Lektüre auch positiv herausgefordert und motiviert fühlen – letztlich seien solche Texte für sie auch immer wieder der Grund, sich mit Literatur zu beschäftigen. Kurzer Applaus im Publikum. Dennoch fand sich Hassingers Text am Sonntag nicht einmal auf der Shortlist wieder. Schön, dass die Jury sich in der Diskussion theoretisch für die Relevanz experimenteller Texte aussprach – in der Praxis hat es wenig genützt.

Kerstin Mertenskötter