Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Analysierbarkeit

Umsatzeinbußen und Kosten durch Fehlkalkulationen sind zwei Dinge, mit denen Verleger im Alltag zu Recht kommen müssen. Ein Berufsrisiko, das sich durch Algorithmen in Zukunft vermeiden lassen soll. Die Firma QualiFiction befasst sich mit der Thematik Bestsellerforschung und bastelt am Schlüssel des erfolgreichen Buchs.

Ein Bestseller, so die Idee, folge bestimmten Kriterien, die man mithilfe eines Algorithmus bestimmen könne. „Die Bestseller D N A: Vorhersage von Bestsellern mittels Data Science?“, heißt der Titel der Veranstaltung am Mittwochmorgen auf der Buchmesse. Die Stühle vor der Bühne sind weitgehend voll, die Thematik zieht an. Was einen Roman zu einem Bestseller macht, habe 2015 die University of Stanford untersucht. Dafür wurden 20.000 Romane mittels Datenbanken erfasst und analysiert. Ein Bestseller besitze daraus folgend eine ganz eigene Spur, einen Code, den QualiFiction mit ihrer Software entschlüsseln könne. Das Programm befinde sich noch in einem frühen Proto-Typ-Status. Aktuell lässt sich der Bestseller-Score – der Wert, der angibt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass ein Buch auf der Bestsellerliste landet – innerhalb von 30 Sekunden ermitteln.

Als Beispiel hat Entwickler Ralf Winkler das Buch „Lavendelzimmer“ von Nina George mitgebracht. Dieses gleicht er durch die Software mit weiteren Romanen, wie „Bella Germania“, „Das Traumbuch“ oder „Das Rosie Projekt“ ab. Was die Software offensichtlich schnell kann, ist oberflächlich Handlung und Charaktere zu scannen. Daraus bastelt sie eine Wordcloud mit den häufigsten Begriffen.

Eine Sentimentanalyse soll die Handlungsthematik in ihrer Tiefe checken und einen Eindruck des Spannungsgehaltes des vorliegenden Werkes bieten. „Bella Germania“ hat nach der Analyse übrigens 40% Ähnlichkeit mit Nina Georges „Lavendelzimmer“. „Das Rosie-Projekt“ hat mit dem „Lavendelzimmer“ laut der Software am wenigsten von den vorgestellten Büchern gemeinsam. Darüber hinaus gibt es eine Entitätenanalyse, die das Werk in seinen zeitlichen Verlauf einordnet und obendrauf eine Stilanalyse.

Im Verlagsalltag soll das ungefähr so aussehen: Das Manuskript wird in die Cloud geladen, dort mit Merkmalen vergangener Bestseller verglichen und der Wert des Bestseller-Score ermittelt. Anhand dieses Ergebnisses kann nun die Auflagengröße und das Marketingbudget vom Verlag geplant werden. So die Theorie. „Ist das nicht der Tod des individuellen Buches?“, meldet sich eine Frau aus dem Publikum. Winkler lacht, als habe er diese Frage erwartet und verneint. Vielmehr solle sie unbekannten Autoren verhelfen eine Chance auf dem Buchmarkt zu bekommen. Der Verlag wäre mit einem verlässlichen Richtwert in der Lage sich auch mal etwas zu trauen. Immer wieder verweisen Winkler und seine Kollegin auf J. K. Rowling und Sebastian Fitzek, die viele Absagen einstecken mussten, ehe der Erfolg kam. Das soll sich mit der Bestseller D N A ändern.

Wie hoch der Bestseller-Score bei „Der Stein der Weisen“ oder „Die Therapie“ ausfiel, wurde im Übrigen nicht erwähnt.

Nicole Be