Das Ende der informierten Gesellschaft

Viertel- und Halbwahrheiten, Konspirationstheorien und Propaganda –  die Desinformation als die Pest der digitalen Gesellschaft? Und was kann man gegen „Fakenews“ tun? Stephan Russ-Mohl, Professor für Journalistik und Medienmanagement an der Universität Lugano und Leiter des Europäischen Journalisten Observatoriums hat darüber das Buch „Die informierte Gesellschaft und ihre Feinde. Warum die Digitalisierung unsere Demokratie gefährdet“ geschrieben. Das Buch ist im Herbert von Halem Verlag erschienen und wurde auf der Buchmesse auf der Veranstaltung „Fakenews und das Ende der informierten Gesellschaft“ vorgestellt.

Informiert sind wir vermutlich so gut wie keine Generation zuvor. Über den Wahrheitsgehalt unserer Informationen eine evidente Aussage zu treffen, ist innerhalb medialer Massenbestäubung kaum möglich. Sind wir also desinformiert, weil wir die Masse an Infos zwar aufnehmen, aber nicht mehr vermögen zwischen Fake und News zu unterscheiden?

Das Dilemma des Journalismus sei das ständig verfügbare Gratis-Angebot im Internet, erklärt Russ-Mohl. „Gewinner sind die Suchmaschinen, weil sie sehr zielgruppenorientiert platzieren können“. Algorithmen bestimmen, was wir online zu lesen bekommen. Was programmierbar ist, lässt sich letztendlich auch gezielt nutzen und zwar von jedem, der sich mit der Materie auskennt. Dass Medien an Glaubwürdigkeit verlieren, liege mitunter auch an ihrer spürbaren Orientierungslosigkeit. Diese äußere sich zumal an „Spoonfeeding“, einer unterschiedlichen Thematisierung eines Ereignisses, einem allgemein gedankenlosen Umgang mit Sprache sowie Desinteresse an Medienforschung. Den Job von Journalisten erledigen mittlerweile oft PR-Fachkräfte. Pressemitteilungen werden immer besser, weil ehemalige Journalisten sie schreiben, die wüssten, worauf es inhaltlich ankommt.

Durch Pushen von Twitteraccounts über den Zukauf falscher Follower und der schätzungsweise 15 Millionen weltweiter Bot-Accounts auf Facebook, entstünden medial beförderte Parallelgesellschaften. Eine selektive Zensur von Facebook befeuere nur die Mittel der Desinformation. Was folge, ist eine Informationsflut, die sich zwischen Werbung, PR und Publika bewegt. Mit Journalismus habe das nichts mehr zu tun. Die Redaktionen schrumpfen während die PR Branche beständig wächst. Journalisten hätten zudem seit den 70ern mit dem wachsenden Misstrauen der Bevölkerung zu kämpfen.

Lösungen hat der Fachmann keine parat, nur Denkanstöße. Man müsse die mentale Verschmutzung eindämmen. „Wir müssen uns Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen“, so Russ-Mohl. So lange das „I think therefore I am“ hinter dem „I believe therefore I am right“ steht, sieht die Zukunft des Journalismus also düster aus. Und wo Journalismus nicht richtig arbeiten kann, krankt am Ende auch die Demokratie.

Nicole Be