Cem Gülay im Interview über „Kein Döner Land“

Cem Gülay

Cem Gülay

Ausgeschlafen? – Klar, morgens und abends ist er immer fit, nur zwischendurch vielleicht mal ein kleiner Hänger. – Dann kann’s ja losgehen.

Ein Döner, was ist das eigentlich? Im Gegensatz zur griechischen Pita hat er einen international-kulinarischen Feldzug hinter sich, der seinesgleichen höchstens bei Pizza und Pommes Frites findet- also was steckt dahinter? Pita-Taschen enthalten Schweinefleisch, Döner selbstverständlich nicht. Hier kommen wir in den Genuss von Hammel, Lamm, Pute oder Hühnchen. Ansonsten vermischen sich Eisbergsalat, Tomaten, Zwiebeln, Gurken und die dem jeweiligen Dönerladen eigene Spezialsauce, die IHREN Döner für die fleischtaschengenießende Bevölkerung einzigartig macht.

Der Titel seines neuen Buches ist ein sarkastisch angehauchtes Wortspiel, bestehend aus dem Namen des türkischen Nationalgerichts und der unter anderem für das bekannte Volkslied verwendeten Formulierung „Kein schöner Land“. Wir werden auf die Erfolgsgeschichte des Döners verwiesen, vor der manche gerne die Augen verschließen würden, oder sie einfach negieren- wenn es z.B. heißt: „Die Türken“ taugen allenthalben als Obst und Gemüseverkäufer. Offensichtlich nicht!

Das Buch ist nicht als Antwort auf Sarrazin zu verstehen, ganz einfach weil seine Entstehung auf eine Zeit vor der Abschaffung Deutschlands zurückgreift, als nämlich Türken-Sam die politische Bühne betrat. Jetzt ist das Ventil geöffnet und die Immigranten-Debatte nicht mehr wegzudenken, wer auch immer das Patent auf den geistigen Anstoß dazu hat. Fest steht: Es gibt Zündstoff, der seine Funken nicht über die sechs bzw. sieben türkischen Migrationshintergrund-Generationen hinaus versprühen sollte. Diejenigen, die daran etwas ändern können, sollen die Wahrheit über die Umstände erfahren, deswegen schreibt Gülay sie auf. Denn er hat sie erlebt, am eigenen Leib, und er kann davon erzählen ohne fachpolitwissenschaftliches Laberlatein zu verwenden. Die Probleme fangen auf der Straße an, und dort müssen sie auch angepackt werden. Nicht auf der schillernden Bühne des Establishments, wie Gülay die nennt, die über die TV-Bildschirme spazieren und mit ihren Thesen in die Kamera winken. Aus sicherer Entfernung zum Brandherd. Das Establishment ist nicht das Rückgrat der Gesellschaft!

Und weil wir auf der Buchmesse sind: Was liest Cem Gülay denn privat ganz gerne? Thriller! Und auch ein bisschen Fantasy, vielleicht mal eine Biographie. Was das Ebook betrifft, so bevorzugt er seinen Vorgänger, weil die gedruckten Seiten durch nichts zu ersetzen sind. Wenn das mal der Fall sein sollte, würde ihn das sehr traurig stimmen. Mich auch!

In diesem Sinne, noch eine erfolgreiche Buchmesse Herr Gülay!

Giulia Egbring