„Bücher im Medienkontext/ Medienkonvergenz in der Buchbranche – Wandel von Berufsbildern und Ausbildungswegen“

Ausgewiesene Experten aus der Wissenschaft und der freien Wirtschaft diskutierten gemeinsam an einem sonnigen Freitagnachmittag auf der Leipziger Buchmesse aktuelle Entwicklungen der Buchbranche, die klassische und innovative Elemente von Medien der sich im Zuge der stärker digitalisierten Gesellschaft verbinden. Und darüber, wie sich dementsprechend Anforderungen, Fertigkeiten und Kenntnisse wandeln für junge Berufseinsteiger.

Ausschweifende medientheoretische Gedankengänge musste man trotz der großen Expertise der Diskutanten unter der Rigide von Prof. Dr. Christoph Bläsi glücklicherweise nicht fürchten: So leitete schon sein erster Redner, René Meyer, süffisant in die Frage nach einer Intermedialität aus Printmedien und Digitalisierung ein: Er habe in den 90er Jahren richtig antizipiert, so Meyer, dass für die immer beliebter werdenden Videospiele ein Markt an sogenannten Lösungsheften aufkommen werde. 2017 seien diese Lösungshefte zu teils komplexen Artwork-Produktionen weiterentwickelt worden. Damals war es noch deutlich weniger aufwendig und nur einige grundsätzliche Tipps seien zu berücksichtigen gewesen: Vermarkte dich richtig! Investiere dein Geld nachhaltig! Also auf die Bedürfnisse von Besuchern eingehen, Websites dementsprechend ausrichten und in die ordentliche Programmierung von Websites Geld investieren. Und das sei auch noch heute freilich aktuell. Weiter sein nächster Tipp: Selbst noch heutzutage gebe es kostengünstige und einsteigerfreundliche Wege in dieses ertragreiche Geschäft; etwa zu niedrigsten Grenzkosten das Publishing über Amazon. Und der Markt werde noch expandieren, denn mittlerweile seien viele Spiele der 90er Jahre „retro“, d.h. es gebe weiterhin eine Nachfrage nach Lösungsheften.

 

Hybride Bücher und Interaktivität

Franziska Kunze stellte als nächstes ein Themenfeld vor, welches sie unter der Betreuung von Professor Bläsi in Mainz verfolgte: hybride Bücher. Klassische, physische Bücher seien für Kinder beispielsweise noch das wichtigste Medium in der Buchbranche. Allerdings sei es ein bedeutender Trend, diese Bücher auch um Apps zu erweitern, d.h. über eine Interaktivität nicht nur das Lesen anzuregen, sondern auch mittels physischen Kontakts die Interaktion mit dem Medium über Smartphones, Tablets oder sonstigen multimedialen Geräten zu stimulieren.

 

„Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“ – klassische und innovative Elemente in der Buchbranche

Wanted: Produktmanager, Programmierer, Next-Designer, Game-Designer, Illustratoren – und auch Autoren. Professor Bläsi beruhigte das verdutzte Publikum umgehend: Letztere beiden Berufsgruppen seien auch nach wie vor die numerisch größten Gruppen innerhalb der Buchbranche. Doch dürfe man nicht übersehen, dass eben die erstgenannten Berufe mittlerweile auch bedeutende Positionen in der Entwicklung und Publizierung von Büchern darstellten. Aber, so Dr. Nikolaus Weichselbaumer von der Universität Mainz und Dr. Jörg Meier, Unternehmensberater, gleichermaßen einhellig, dass die Branche eben eine Kombination aus klassischen und innovativen Elementen benötige, um den Erwartungen der Konsumenten einerseits und den Anforderungen der Digitalisierung andererseits zu begegnen. Es gehe auch mehr denn je, so Meier, darum, einen teambasierten Ideenaustausch zu gewährleisten. Jeder müsse Verantwortung zum Gelingen einer Buchproduktion übernehmen und sich aktiv einbringen.

 

Medienkontakte

Wie leicht gelingt der im oberen Absatz geforderte Einstieg? Leider noch viel zu behäbig, so Meyer abermals. Es gehe darum, eine bestimmte Firmenkultur aufzubrechen, Prozesse aktiv zu gestalten und zu verschieben in den Medienkontakten. Als ausgeprägte „Lust auf Veränderung“ der Berufseinsteiger könne man es herunterbrechen, so Meyer.

Man dürfe allerdings weder ein Einzelkämpfer sein, noch ein übereifriger Vorreiter von Arbeitselan, Teamwork und überbordender Guter-Laune, denn schließlich müsse man noch mit den Kollegen zusammenarbeiten, so Meier mit einem Augenzwinkern. Ebenso wichtig wie Ideen und Hard Skills, seien eben auch die Soft Skills: Einfühlungsvermögen in KundInnen und KollegInnen, das Verständnis von verschiedenen Mentalitäten und Arbeitsweisen, die in komplexen Produktionsketten zu harmonisieren wichtig sind.

 

Neue Anforderungen und Eigeninitiative

Welche konkreten Ausbildungs- und Fortbildungswege sollen denn nun junge Menschen einschlagen, um den angerissenen Problemlagen zu begegnen? Autodidaktisches Wissen und Wissensmanagement seien wichtiger noch als der Studienabschluss, so Meier abermals. Neben dem theoretischen Wissen natürlich sei es absolut notwendig, praktische Kenntnisse frühzeitig auszubilden. Wenn es beispielsweise um Programmierkenntnisse ginge, müsse man kreativ sein, sollten diese im Studium nicht angeboten werden – und dann bucht man das an einer Volkshochschule für wenig Geld. Gleiches gilt für Projektmanagement oder Toolbehandlungen. Eigenständiges Erkennen von Anforderungen im Berufsleben und ggf. selbstständiges Schließen von Kenntnislücken sei immens wichtig. Denn viele Anforderungen der modernen Berufswelt in den Buchwissenschaften seien noch viel zu ungenügend gedeckt durch das Studium.

 

Start-Up vs. Mittel- und Großständische Betriebe

In der anschließenden Auseinandersetzung mit dem Publikum kam die Frage auf, wie denn die Problemlösungskompetenzen zu bewerten seien? Also im Vergleich zur Fähigkeit, Probleme erstmal zu finden. Hierin war sich das gesamte Podium einig: Eine Unternehmenskultur wie in den 60er Jahren gebe es nicht mehr, also keine Restriktionen und keine Bevormundung. Eben die Fähigkeit, Probleme zu finden und somit neue Wege zu bestreiten, sei mittlerweile wichtiger als die klassische Problemlösung. Was augenscheinlich verwirrt, ließ sich leichterhands erklären: Viele neue Start-Up-Unternehmen sind darum erfolgreich und so attraktiv für junge Menschen, weil sie Antworten geben auf bis dato nicht gestellte Fragen. Man müsse innovativ und unbequem sein, so wiederum Meier: „Wollen kann man nicht lernen“ – aber man braucht es, um erfolgreich den neuen Anforderungen in der Buchbranche begegnen zu können.

 

Axel-Wolfgang Kahl

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