„Barbarotti kam durch die Tür und stellte sich mir vor“

Håkan Nesser,

Håkan Nesser,

Der schwedische Krimiautor Håkan Nesser, einer der Stargäste der Buchmesse 2012, plauderte auf dem blauen Sofa für das ZDF über das Lesen und Schreiben, den neuen Fall seines bekanntesten Kommissars und kündigte an, keine Krimis mehr schreiben zu wollen.

„100 Jahre leben, wenn es dafür keine Bücher gäbe? Nein, danke!“ Vehement lehnte der 62-jährige Håkan Nesser das Angebot seiner Interviewpartnerin Susanne Führer vom Deutschlandradio Kultur ab. Er outete sich als leidenschaftlicher Vielleser, für den das Lesen wie auch das Schreiben eine Droge sei. Er lese, lese und lese und außerdem sei er stets auch der erste Leser seiner eigenen Geschichten. Erzählungen wiederum müssten gut sein, damit er sie weiterlese oder im Falle seiner eigenen Storys weiterschreibe. Weil er sich selbst nicht gut unterhalten gefühlt habe, habe er schon die ein oder andere seiner Geschichten nach mehreren Kapiteln abgebrochen.

Håkan Nesser,

Håkan Nesser,

Im Falle seines neuen Buches „Am Abend des Mordes“ scheint er sich allerdings gut amüsiert zu haben, sonst hätte er wohl kaum den vierten Band seiner Krimireihe um den Kommissar Barbarotti geschrieben. Auf die Frage, wie diese Figur eigentlich entstanden sei, gab Nesser preis: „Mitten in der Handlung ist Barbarotti damals einfach durch die Tür getreten und stellte sich mir vor – und war meine Lösung für den Rest meines Buches.“ So geschehe es oft, dass Figuren plötzlich vor seinem geistigen Auge auftauchten bzw. ihren Platz in seinen Geschichten einforderten. Zum Leidwesen seiner vielen Krimifans gab Nesser allerdings auch bekannt, die Reihe in Zukunft nicht fortsetzen, ja gar das Krimischreiben aufgeben zu wollen.  Und das, obwohl er das Genre als geradezu ideal erachte, um menschliche Schicksale, den Umgang mit dem Tod oder die moralische Frage nach Recht und Unrecht zu thematisieren. Er sei einfach müde geworden, Kriminalromane zu verfassen, auch habe er Angst, sich nach fast 20 Krimis zu wiederholen und forderte sein Publikum dazu auf, ihn darauf hinzuweisen, wenn es so weit sei. Ein Fünkchen Hoffnung liegt für seine Krimifans in dieser Aussage, dass er doch noch mal weitermacht mit einem fünften Band. Außerdem gab der Schwede zu, dass er schon oft die Unwahrheit gesagt habe. „Never trust an author“, betonte er zweimal schelmisch. Zunächst aber möchte sich der Wahl-New Yorker anderen Romanen widmen und verriet, dass er eine Geschichte schreiben möchte, die in Berlin spielt.  Was er mache, wenn er mit dem Schreiben mal nicht weiterkomme, beantwortete der ehemalige Lehrer wie so oft an diesem Nachmittag mit einem flotten Spruch: „Ich widme mich dem nächsten Kapitel.“

Tom Fillisch